Erlebniswelt
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Vorsorge ?

“Die Lösung ist das Problem”

Frauen ohne spezifische erbliche Belastung gilt der folgende Artikel:

Nutzen und Risiken der Brustkrebs-Früherkennung

aus dem HARDING CENTER FOR RISK LITERACY,

Leitung: Prof. Dr. Gigerenzer

Das Mammographie-Screening wird in Deutschland als Kassenleistung für alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren angeboten. Bei einer Mammographie wird eine Röntgenuntersuchung der Brust durchgeführt mit dem Ziel, bestehende Tumore möglichst frühzeitig zu entdecken und dadurch die Heilungschancen zu verbessern. Doch was ist der tatsächliche Nutzen des Mammographie-Screenings und wie groß der mögliche Schaden? Und ist die Teilnahme am Screening für Sie sinnvoll?

Medizinische Fragestellungen können oft nicht pauschal beantwortet werden. Deshalb sind transparente Informationen wichtig - und der Mut, für sich selbst eine informierte Entscheidung zu treffen. Damit Sie den Nutzen und die Risiken des Mammographie-Screenings abwägen können, haben wir eine Faktenbox (Fact Box) erstellt, die die wichtigsten Vor- und Nachteile klar und übersichtlich gegenüberstellt.

 Die Zahlen beziehen sich auf 2000 Frauen über 50 Jahre*, die 10 Jahre lang am Mammographie-Screening teilgenommen haben (Screeninggruppe) und eine gleich große Gruppe, die nicht am Screening teilnahm (Vergleichsgruppe).

 Brustkrebs

Die Faktenbox zeigt, dass das Mammographie-Screening die Zahl der in 10 Jahren an Brustkrebs verstorbenen von 8 auf 7 je 2000 Frauen senkte. Dieser Effekt schlug sich nicht auf die Gesamtkrebssterblichkeit nieder: Die Zahl der insgesamt an Krebs verstorbenen Frauen war in den Gruppen mit und ohne Mammographie identisch.

200 der 2000 Frauen in der Screeninggruppe hatten während der 10 Jahre mindestens ein auffälliges Ergebnis, obwohl sich später zeigte, dass sie keinen Brustkrebs hatten. Diese Frauen mussten teils monatelang mit dieser Unsicherheit leben und weitere Diagnostik über sich ergehen lassen, bis Entwarnung gegeben werden konnte.

Mit dem Mammographie-Screening werden auch sogenannte „indolente" (langsam wachsende oder weniger aggressive) Tumore entdeckt, die sich nie zu einer lebensgefährlichen Krebserkrankung ausbilden. Da man die Entwicklung in indolente oder lebensgefährliche Tumore nicht vorhersagen kann, wurde bei etwa 10 von 2000 Frauen in der Screeninggruppe eine teilweise oder vollständige Brustentfernung durchgeführt, obwohl dies nicht nötig gewesen wäre.

* Zahlen für Brustkrebsmortalität für Frauen ab 50 Jahre, die weiteren Angaben beziehen sich auf Grund der schwachen Datenlage auf Studien, die auch Frauen ab 40 einbezogen haben.

Quelle: Gøtzsche PC, Nielsen M. Screening for breast cancer with mammography. Cochrane Database of Systematic Reviews 2011, Issue 1.

 Screening for breast cancer with mammography

Gøtzsche PC, Nielsen M

Published Online: 

April 13, 2011

Screening with mammography uses X-ray to try to find breast cancer before a lump can be felt. The goal is to treat cancer early, when a cure is more likely. The review includes seven trials that involved 600,000 women who were randomly assigned to receive screening mammograms or not. The review found that screening for breast cancer likely reduces breast cancer mortality, but the magnitude of the effect is uncertain. Screening will also result in some women getting a cancer diagnosis even though their cancer would not have led to death or sickness. Currently, it is not possible to tell which women these are, and they are therefore likely to have breasts or lumps removed and to receive radiotherapy unnecessarily. The review estimated that screening leads to a reduction in breast cancer mortality of 15% and to 30% overdiagnosis and overtreatment. This means that for every 2000 women invited for screening throughout 10 years, one will have her life prolonged. In addition, 10 healthy women, who would not have been diagnosed if there had not been screening, will be diagnosed as breast cancer patients and will be treated unnecessarily. Furthermore, more than 200 women will experience important psychological distress for many months because of false positive findings.

It is thus not clear whether screening does more good than harm. Women invited to screening should be fully informed of both the benefits and harms. To help ensure that the requirements for informed consent for women contemplating whether or not to attend a screening program can be met, we have written an evidence-based leaflet for lay people that is available in several languages on www.cochrane.dk.

 Buchempfehlung:

Das Einmaleins der Skepsis: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer (Taschenbuch - 2009)

neu 12,95 €, gebraucht: 6.85 €

Nutzen und Risiken der Prostatakrebs-Früherkennung

Medizinische Fragestellungen können oft nicht pauschal beantwortet werden. Deshalb sind transparente Informationen wichtig – und der Mut, für sich selbst zu entscheiden.

Damit Sie sich schnell und übersichtlich über den Nutzen und die Risiken des prostataspezifischen Antigen (PSA) Tests zur Prostatakrebs-Früherkennung informieren können, haben wir eine Fact Box (Faktenbox) mit den wichtigsten Vor- und Nachteilen erstellt.

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In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 12. März 2010 bezeichnet Richard Ablin, der Entdecker des PSA, den PSA-Test gar als "kaum effektiver als ein Münzwurf" und beschreibt ihn als eine profitgetriebene Katastrophe für das Gesundheitssystem.

 www.harding-center.de

Der große Prostata-Irrtum:

Ein beliebter Tumortest ist in Wahrheit eine Katastrophe für das Gesundheitssystem

Jedes Jahr werden in den USA rund 30 Millionen Männer auf das Prostata-spezifische Antigen (PSA) getestet, ein Enzym, das die Vorsteherdrüse herstellt. Der PSA-Test ist seit der Anerkennung durch die amerikanische Zulassungsbehörde FDA das meistbenutzte Werkzeug, um Prostatakrebs aufzuspüren.

Die Beliebtheit dieses Tests hat eine äußerst kostspielige Katastrophe für das öffentliche Gesundheitswesen ausgelöst. Das ist ein Thema, mit dem ich schmerzhaft vertraut bin – ich selbst habe PSA 1970 entdeckt. Während der US-Kongress nach Wegen sucht, um die Kosten im Gesundheitssystem zu senken, könnte man beträchtliche Einsparungen erzielen, indem man das Antigen in Prostata-Untersuchungen anders als bisher nutzt. Amerikaner geben gewaltige Summen für Prostata-Krebstests aus. Die jährliche Rechnung für PSA-Untersuchungen beläuft sich auf mindestens drei Milliarden Dollar.

Prostatakrebs mag zwar viel mediale Beachtung finden, doch sollte man die Zahlen betrachten: Amerikanische Männer haben ein 16-Prozent-Risiko, irgendwann im Leben die Diagnose Prostatakrebs zu bekommen, aber nur eine Wahrscheinlichkeit von drei Prozent, daran zu sterben. Der Grund ist, dass die meisten Prostatatumore langsam wachsen. In anderen Worten sterben Männer, die das Glück haben, alt zu werden, viel häufiger mit Prostatakrebs als an Prostatakrebs. Hinzu kommt, dass der Test kaum effektiver ist als ein Münzwurf. Wie ich seit vielen Jahren versuche zu erklären, kann der PSA-Test Prostatakrebs nicht entdecken. Und noch wichtiger, er kann nicht zwischen den beiden Krebsarten unterscheiden – der tödlichen und der ungefährlichen.

Stattdessen zeigt der Test nur, wie viel des Prostata-Antigens ein Mann im Blut hat. Infektionen, gängige Medikamente wie Ibuprofen und leichte Schwellungen der Prostata können alle die PSA-Werte eines Mannes erhöhen, aber keiner dieser Faktoren bedeutet Krebs. Männer mit niedrigen PSA-Werten können hingegen gefährliche Tumore in sich tragen.

Als die amerikanische Arzneimittelbehörde den Test zuließ, verließ sie sich vor allem auf eine Studie, die zeigte, dass der Test 3,8 Prozent aller Prostata-Krebserkrankungen entdecken kann. Das ist eine höhere Rate als die gängige Methode erreicht, die Rektaluntersuchung mit dem Finger.

3,8 Prozent ist eine kleine Zahl. Dennoch wurden, vor allem als die Reihenuntersuchungen begannen, Männer mit mehr als vier Nanogramm PSA pro Milliliter Blut zu schmerzhaften Prostata-Biopsien geschickt. Wies die Gewebeprobe Krebszeichen auf, wurde der Patient fast immer operiert, bestrahlt oder anderweitig schädigend behandelt.

Die Gemeinde der Mediziner wendet sich langsam von PSA-Untersuchungen ab. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das New England Journal of Medicine Ergebnisse der beiden umfangreichsten Studien zu Massenscreenings, eine in Europa, eine in den USA. Die amerikanische Studie zeigte, dass PSA-Untersuchungen die Lebensrate von Männen im Alter ab 55 Jahren über einen Zeitraum von sieben bis zehn Jahren hinweg nicht erhöht. Die europäische Studie erkannte eine leichte Abnahme der Sterblichkeitsrate. Aber sie belegte auch, dass 48 Männer behandelt werden mussten, um ein Leben zu retten. Das macht jeweils 47 Männer, die mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Sexualleben mehr haben und sich nicht mehr weit von der nächsten Toilette entfernen können.

Viele der einstigen Befürworter der Massentests, unter ihnen Thomas Stamey, ein bekannter Urologe der Stanford-Universität, sind nun gegen Routinetests. Im vergangenen Monat rief die amerikanische Krebsgesellschaft zu mehr Vorsicht beim Gebrauch des Tests auf. Das American College of Preventive Medicine schlussfolgerte, dass es ungenügend Beweise gibt, um routinemäßige Untersuchungen zu empfehlen.

Warum also wird der Test noch benutzt? Weil Pharmafirmen weiterhin damit hausieren und Lobbygruppen die ,,Wachsamkeit vor Prostatakrebs" propagieren und Männer zum Test ermuntern. Beschämenderweise empfiehlt die Amerikanische urologische Gesellschaft die Untersuchung noch immer, während das Nationale Krebsinstitut in dieser Frage vage bleibt und von unklarer Evidenz spricht. Das Gremium, das Krebsuntersuchungen in den USA bewerten darf, die Preventive Services Task Force, sprach sich kürzlich bei Männern über 75 gegen PSA-Tests aus, eine Empfehlung für jüngere Männer steht bislang aus.

Der Test auf Prostata-spezifische Antigene hat durchaus seinen Platz. Nach einer Krebsbehandlung beispielsweise können rapide steigende Werte auf eine Rückkehr des Tumors hinweisen. Und familiär vorbelastete Männer sollten sich womöglich regelmäßig testen lassen. Wenn ihr PSA-Wert plötzlich in die Höhe schießt, könnte es Krebs bedeuten. Aber diese Anwendungen sind überschaubar. PSA sollte keinesfalls genutzt werden, um alle Männer über 50 regelmäßig zu testen, wie es jene wollen, die wahrscheinlich davon profitieren. I

ch hätte mir nie träumen lassen, dass meine Entdeckung vor 40 Jahren in eine derartige profitgetriebene Katastrophe für das Gesundheitswesen führen würde. Die Medizin sollte sich der Realität stellen und den unangemessenen Einsatz von PSA-Tests stoppen. Das würde Milliarden Dollar sparen und Millionen Männer vor unnötigen und beeinträchtigenden Behandlungen bewahren.

RICHARD ABLIN

Der Autor ist Professor für Immunbiologie und Pathologie an der University of Arizona und hat vor 40 Jahren PSA entdeckt / © 2010 The New York Times

 Quelle
Süddeutsche Zeitung vom 12. März 2010; S. 16 "Der große Prostata-Irrtum; Ein beliebter Tumortest ist in Wahrheit eine Katastrophe für das Gesundheitssystem" Autor: Richard Ablin

Studie belegt: Nutzen der Krebsfrüherkennung in Europa deutlich überschätzt / Deutsche Patienten besonders schlecht informiert

Interviews mit mehr als 10.000 Bürgern aus 9 europäischen Ländern gingen in die erste europaweite Studie zum Verständnis der Krebsfrüherkennung ein, die das Harding Center for Risk Literacy (Harding-Zentrum für Risikokompetenz) zusammen mit der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK-Nürnberg e.V.) durchgeführt hat. Die Ergebnisse verblüffen: Die Europäer erweisen sich als mangelhaft informierte Optimisten in Sachen Früherkennung – allen voran die Deutschen.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat die Stärkung der Patientensouveränität zum „nationalen Gesundheitsziel“ erklärt. Aber sind die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und Europa wirklich informiert genug, um kompetent entscheiden zu können? Was das Wissen der Europäer zum Nutzen der Krebsfrüherkennung angeht, so lautet die Antwort jedenfalls eindeutig: Nein, sie sind es nicht. So fanden die Wissenschaftler heraus, dass 92% aller befragten Frauen den Nutzen der Mammographie als Mittel zur Vermeidung einer tödlich verlaufenden Brustkrebserkrankung überschätzen (oder gar keine Angaben dazu machen können). Und 89% aller Männer versprechen sich zu viel vom PSA-Test im Hinblick auf die Reduktion des Risikos einer tödlich verlaufenden Prostatakrebserkrankung (oder erkennen ihr Unwissen zu diesem Thema). Aber wie ist es tatsächlich um den Nutzen etwa der Mammographie bestellt? Frühere Untersuchungen haben ergeben, dass von 1.000 Frauen, die nicht am Screening teilgenommen haben, in einem Zeitraum von ca. 10 Jahren etwa 5 an Brustkrebs sterben; bei einer zweiten Gruppe von ebenfalls 1.000 Frauen, die sich für die Früherkennung entschieden haben, verringert sich diese Zahl auf 4. In vielen Informationsbroschüren wird dieser Sachverhalt in die Aussage übersetzt, dass die Mammographie eine Risikoreduktion um 20% ermögliche (mitunter werden auch 25% oder 30% angegeben). Häufig schließen Frauen daraus, dass durch Mammographie 200 von 1.000 Frauen „gerettet“ werden. Die jetzt präsentierte Studie zeigt: In Deutschland wissen gerade einmal 0,8% der Frauen, dass Früherkennung die Brustkrebssterblichkeit um etwa eine von je 1.000 Frauen reduziert – das ist europäischer Tiefstwert! Dafür sind die Deutschen, Männer wie Frauen, „Prospekt-Europameister“: 41% der Befragten informieren sich häufig durch Broschüren von Gesundheitsorganisationen – der europäische Durchschnitt liegt hier bei 21%. Jene Deutschen, die solche Informationsquellen häufig zu Rate ziehen, sind aber keineswegs besser informiert als andere. Vielmehr überschätzen sie den Nutzen der Früherkennung noch etwas mehr als jene, die die Broschüren nicht lesen. Menschen im Alter von 50 bis 69 Jahren, die besonders gefährdet sind und daher die wichtigste Zielgruppe des Informationsmaterials darstellen, sind keineswegs besser im Bilde als andere Altersgruppen. Und noch einer weiteren Frage widmet sich die Studie: Sind Menschen, die häufiger Ärzte oder Apotheker konsultieren, besser über den Nutzen der Früherkennung informiert? Die Antwort darauf ist europaweit ein klares „Nein“. Insbesondere deutsche Frauen, die ihr Wissen zum Thema Früherkennung bevorzugt aus Gesprächen mit Ärzten und Apothekern beziehen, sind nicht etwa zu einer deutlich genaueren Einschätzung in der Lage, sondern zeigen sich schlechter informiert als andere, die sich weniger bei Ärzten oder Apothekern erkundigen. Die möglichen Ursachen dafür sind aus anderen Studien des Max-Planck-Instituts bekannt und liegen im medizinischen Aus- und Weiterbildungssystem begründet. Dieses versagt weitgehend bei der Aufgabe, Ärzte darin zu schulen, die statistischen Ergebnisse wissenschaftlicher Studien zu verstehen und zu vermitteln. Und auch die Schulen lehren vornehmlich die „Mathematik der Sicherheit“, also Gebiete wie Algebra oder Trigonometrie, und führen nicht in statistisches Denken ein, das auf den Umgang mit den Risiken einer unsicheren Welt vorbereiten könnte. Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor des Harding Center for Risk Literacy, zu den Ergebnissen der Studie: „Früherkennung birgt immer die Gefahr von Folgeschäden, wie z.B. unnötige Operationen oder Inkontinenz. Um informiert entscheiden zu können, ob sie teilnehmen möchten oder nicht, müssen Patienten um den möglichen Nutzen der Früherkennung genauso wissen wie um potenzielle Schädigungen. Nach den vorliegenden wissenschaftlichen Studien liegt der Nutzen des Mammographie-Screenings in der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren im Bezug auf tödlich verlaufende Brustkrebserkrankungen bei einer Reduktion um eine von je 1.000 Frauen. Für die Prostatakrebsfrüherkennung mit PSA-Tests liegt er bei null oder einem von 1.000 Männern. Unsere europaweite Studie zeigt nun, dass die Menschen diese Zusammenhänge einfach nicht kennen. Wenn wir mündige Patienten und kein paternalistisches Gesundheitswesen wollen, dann müssen wir genau hier ansetzen. Wir müssen – gerade in einem immer teurer werdenden System – die Menschen umfassend und präzise informieren und sie so in die Lage versetzen, notwendige Entscheidungen kompetent zu treffen.“ Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt sprach einmal vom Ziel, dass Patienten und Ärzte „auf Augenhöhe“ miteinander sprechen sollen. Die europaweite Studie zeigt, dass einem das Erreichen dieses Ziels im Moment noch wie ein Traum vorkommen muss; ein schöner Traum zwar – aber eben ein Traum.

Quelle: Die Studie wird am 2. September 2009 unter dem Titel „Public Knowledge of Benefits of Breast and Prostate Cancer Screening in Europe“ im Journal of the National Cancer Institute (Vol. 101, Issue 17) veröffentlicht. Sie entstand als Zusammenarbeit des Harding Center for Risk Literacy am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und des GfK-Nürnberg e.V. Ihre Autoren sind Gerd Gigerenzer, Jutta Mata und Ronald Frank.

 Harding Center for Risk Literacy Im Frühjahr 2009 wurde das Center am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gegründet. Es ist im Forschungsbereich Adaptives Verhalten und Kognition angesiedelt und wird von Prof. Dr. Gerd Gigerenzer geleitet. Im Fokus des Forschungsinteresses stehen der Mensch und die Wahrnehmung statistischer Risiken. Dabei versteht sich das Center als Kern eines weltweiten Netzwerkes von Experten, die sich mit Risikowahrnehmung und -kommunikation beschäftigen. Ermöglicht wurde die Gründung durch die großzügige Unterstützung des Londoner Geschäftsmanns David Harding.

  :::Downloads:gg_einmaleins_skepsis_bvt.jpgDas Einmaleins der Skepsis

 

Ein brillant argumentierendes, lebhaft und klar geschriebenes, auch dem Laien eingängiges, im besten Sinne aufklärerisches Buch, nach dessen Lektüre man statistischen Aussagen nicht einfach mit Misstrauen, sondern mit der richtigen Art von Nachfragen begegnen wird.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

Krebsvorsorge:

USA schaffen umstrittenen Prostata-Test ab

Von Cinthia Briseño

Gefährliche Medizin? Mit dem sogenannten PSA-Test wollen Ärzte Prostatakrebs entdecken. Doch das Verfahren gilt als unsicher, gesunde Männer werden irrtümlich operiert. Die US-Regierung will jetzt die Kostenübernahme ganz abschaffen. Deutschen Urologen geht dieser Vorstoß aber zu weit.

Ein Skydiver stürzt sich aus dem Flugzeug, ein Surfer reitet auf einer Riesenwelle, ein Kajakfahrer lässt sich von einem Wasserfall mitreißen. Dann erscheinen drei Worte: "Men take risks" (Männer gehen Risiken ein). Ein Rodeoreiter auf einem wilden Ochsen, ein Motorradfahrer beim Sprung in die Höhe. Dann: "28.000 Männer sterben jedes Jahr." Ein Salto springender Wasserboarder. Pause. "An Prostatakrebs". Die Auflösung folgt prompt: "Don't take the risk - get checked" (Gehen Sie kein Risiko ein - lassen Sie sich testen).

So einer von vielen Werbefilmen, die in den USA häufig zu sehen sind. Die Rede ist von Prostatakrebs-Vorsorge. Wer die Radio- und Fernsehkanäle überschwemmt, erreicht die Menschen auch: Einem Gremium des US-Gesundheitsministeriums zufolge gewinnt der sogenannte PSA-Test, der Veränderungen der Prostata anzeigen soll, zunehmend an Beliebtheit. 44 Millionen Männer über 50 Jahre leben demnach in den USA, 33 Millionen davon haben ihren PSA-Wert schon einmal testen lassen. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Gesunde Männer, so eine Entscheidung des US-Gesundheitsministeriums, sollen nicht mehr getestet werden.

 Der Grund: Immer mehr Mediziner zweifeln an der Aussagekraft des Tests, denn in vielen Fällen kommt es zu einer falsch positiven Diagnose. Mit fatalen Folgen: In den Jahren 1986 bis 2005 wurden nach Angaben des Gremiums eine Million Männer operiert, bestrahlt oder beides, die ohne den PSA-Test niemals behandelt worden wären. Mindestens 5000 von ihnen starben kurz nach der OP und 10.000 bis 70.000 litten unter schweren Komplikationen, bei 20.000 bis 30.000 kam es zu Nebenwirkungen wie etwa Impotenz oder Inkontinenz.

Richard Albin, gewissermaßen der Erfinder des PSA-Tests, spricht angesichts dieser Zahlen in der "New York Times" von einem "Desaster für das Gesundheitswesen". Auch dem SPIEGEL sagte der US-Immunologe, dass der Bluttest kaum genauer als ein Münzwurf sei.

 "Desaster für das Gesundheitswesen"

Das Gremium des Ministeriums - die U.S. Preventive Services Task Force, die im US-Gesundheitswesen eine mächtige Rolle innehat - hat jetzt einen Entwurf für die neue nationale Empfehlung vorgelegt. Bereits nächste Woche soll die endgültige Fassung vorliegen. Darin steht, dass es keinen Beweis dafür gebe, dass der PSA-Test oder das Abtasten der Prostata oder eine Ultraschall-Untersuchung Leben retten würden. Deshalb lautet der neue Rat des Gremiums: Männer sollten nicht mehr routinemäßig untersucht werden.

Das Ende für den flächendeckenden PSA-Test wäre ein weiterer Schritt weg von Vorsorgeuntersuchungen mit zweifelhaftem Nutzen: Bereits vor zwei Jahren vollführte die US-Regierung eine ähnliche Kehrtwende. Lautete einst ihr offizieller Rat an Frauen ab 40, regelmäßig ihre Brüste per Mammografie untersuchen zu lassen, gilt die Empfehlung inzwischen erst für Frauen ab 50.

Was die Prostatakrebs-Vorsorge betrifft, basiert der neue Vorstoß des US-Gesundheitsministeriums auf den Ergebnissen von insgesamt fünf Studien; eine davon war erst vor wenigen Monaten im "British Medical Journal" erschienen. Auch darin zweifeln die Ärzte am Nutzen der Prostatakrebs-Vorsorge.Eine Untersuchung im Jahr 2009 hatte zuvor ergeben: Um nur einen Todesfall durch Prostatakrebs zu verhindern, müssen 1400 Männer zum Screening gehen und 48 Krebspatienten behandelt werden.

Deutsche Urologen kritisieren Vorstoß als zu drastisch

Über die Studienlage diskutieren auch deutsche Urologen und Krebsmediziner seit Jahren. Allerdings ist der Umgang mit dem PSA-Screening hierzulande etwas anders: "In den USA wird der PSA-Test viel mehr zum Einsatz gebracht, als es in Europa jemals der Fall war", sagt Oliver Hakenberg vom Universitätsklinikum Rostock. Im Gegensatz zu den USA mit ihrer massiven Werbung würde die Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) das Screening nicht propagieren.

Hakenberg kritisiert die Vorgehensweise in den USA: "Nachdem die Amerikaner bisher keine Grenzen bei der PSA-Testung kannten, gehen sie jetzt in die umgekehrte Richtung und schütten dabei das Kind mit dem Bade aus", sagt der Mediziner. Den neuen Empfehlungs-Entwurf des Gremiums findet er zu drastisch: Zu behaupten, dass keine der angewandten Untersuchungsmethoden - darunter das Abtasten der Prostata sowie der Ultraschall - für eine Früherkennung geeignet seien, hält er für Unsinn.

"Die Frage, ob ein Prostatakrebs-Screening gut ist oder nicht, ist bisher nicht eindeutig zu beantworten", sagt Hakenberg. Alle Studien, die den Nutzen des PSA-Tests untersuchen, würden als statistisch ausgewertetes Ergebnis nur den Tod an Prostatakrebs einbeziehen. Dabei werde nicht berücksichtigt, wie viele Männer an Prostatakrebs leiden, aber nicht direkt daran sterben - stattdessen aber etwa an einem Herzleiden.

Auch in den USA stößt der neue Entwurf des Gesundheitsministeriums auf Kritik: Ein Vertreter einer Interessengruppe für Patienten, die den Prostatakrebs überlebt haben, sagte der "New York Times": "Wir sind enttäuscht. Das ist der beste Test, den wir haben. Und die Antwort kann nicht sein: 'Lassen Sie sich nicht testen'."

PSA-Test nur in Kombination mit Abtasten

Auch die Hersteller von PSA-Tests dürften nicht erfreut sein. In den USA werden jedem Mann die Kosten für den Test im Rahmen von staatlichen Gesundheitshilfen wie "Medicare" ersetzt. Doch die meisten gesundheitlichen Einrichtungen folgen den Empfehlungen des US-Gremiums. Lautet also die Empfehlung auf Nicht-Testen, würde der Kostenersatz vermutlich in den meisten Fällen ausfallen.

In Deutschland werden die Kosten nicht in jedem Fall übernommen. Grundsätzlich wird es jedem Einzelnen überlassen, ob er einen PSA-Test machen lässt. Liegen keine Verdachtsmomente vor, muss der Patient die Kosten von 15 bis 45 Euro aus eigener Tasche zahlen. Nur die jährliche Untersuchung für Männer ab 45 wird von Kassen bezahlt.

Dabei will es die DGU zunächst auch belassen. Möchte ein Patient eine zuverlässige Prostatakrebs-Vorsorge, dann empfiehlt die DGU aber einen PSA-Test ausdrücklich in Kombination mit dem Abtasten.

Schätzungen oder Statistiken darüber, wie viele Männer in Deutschland eine Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchung in Anspruch nehmen, gibt es nicht. Eindeutig sind nur diese Zahlen: Bei 64.000 Männern wird die Krankheit jährlich diagnostiziert, etwa 11.500 im Jahr sterben nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) daran. Das sind rund 10 Prozent aller Krebstoten. In den USA starben etwa 32.000 Männer vergangenes Jahr an Prostatakrebs. Die meisten von ihnen sterben jedoch ab einem Alter von über 75 Jahren.

Schon allein aufgrund dieser Zahlen, so sieht es Hakenberg, dürfe man bei aller berechtigten Diskussion über Überdiagnose und Übertherapie die Erkrankung nicht bagatellisieren.

Und so ist es wohl auch immer eine Frage der persönlichen Erfahrung, auf welche Seite der Debatte man sich schlägt. Manchen Patienten hat der zu hohe PSA-Wert bereits erhebliches - unnötiges - Leid erbracht. Mancher aber geht davon aus, sein Leben dadurch gerettet zu haben. Viele Mediziner glauben, dass aus diesem Dilemma nur eins helfen kann: Ein neuer Test, bei dem der Nutzen den möglichen Schaden weit überwiegt. Doch daran werden Forscher vermutlich noch einige Jahre arbeiten müssen.

Heutiger Forschungsstand zur Vorsorge

aus der Zeitschrift: Onkologe 2011  17:220–234

Autoren: C. Schaefer;  H.H. Dubben;  L. Weißbach

Aktueller Forschungsbericht 2013 zum Brustkrebsscreening aus England:

“Breast cancer mortality trends in England and the assessment of the effectiveness of mammography screening: population-based study”

  1. Toqir K Mukhtar
  2. David RG Yeates
  3. Michael J Goldacre
     
    Unit of Health-Care Epidemiology, Department of Public Health, University of Oxford, Oxford OX3 7LF, UK

“Conclusions: Mortality statistics do not show an effect of mammographic screening on population-based breast cancer mortality in England.”

“Die Sterblichkeitsstatistik zeigt keinen Effekt des Mammografiescreenings auf die Brustkrebssterblichkeit in der Bevölkerung.”