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Antidepressiva

DEPRESSION UND ANTIDEPRESSIVA

Aktueller Forschungsstand Antidepressiva

Der mehrfach ausgezeichnete amerikanische Wissenschaftsjournalist Robert Whitaker fasst  bisherige internationale Forschungsergebnisse zu Wirkungsweise und  Folgen langfristiger Einnahme moderner Antidepressiva zusammen:

2016 aktualisierte Version von Whitaker:

                              englisch (PDF):                                                       deutsch (PDF):

Whitaker 2016Kausalität, nicht nur..

2013 Version:

                            englisch (PDF):                                                       deutsch (PDF):

engldtsch

Website R. Whitaker: www.madinamerica.com

Wie wirksam sind Antidepressiva ?

Psychotherapeutenverbände zu Antidepressiva (pdf - Datei, 615 kb)

Antidepressiva – was ist der Forschungsstand ?

Theo Fehr

Psychotherapie und Antidepressiva

Im Rheinischen Ärzteblatt 8/2015 konnte man unter dem Schlagwort „Gefährliche Therapien“ einen Hinweis auf das pharmakritische Buch des dänischen Pharma-Forschers und Mitbegründers der Cochrane Collaboration Prof. Peter Götzsche finden: „Tödliche Medizin und organisierte Kriminalität“ (2015).

Götzsche zitiert in seinem Buch wiederholt das des mehrfach ausgezeichneten amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Robert Whitaker: "Anatomy of an Epidemic". Beides empfehlenswerte Bücher für Psychotherapeuten und Patienten- Auf Whitakers website (www.madinamerica.com) findet sich eine lesenswerte Zusammenfassung des heutigen Standes der Antidepressiva-Forschung (vor allem SSRIs). Ihr ist zu entnehmen, wie sehr  heutzutage die kritische Sicht auf Antidepressiva und SSRIs berechtigt ist; die Datei ist im Original herunterzuladen von WHITAKERS Website:

http://www.madinamerica.com/wp-content/uploads/2011/11/SSRIs-in-Society.pdf

Hochgestellte Zahlen im Text verweisen auf die Originalliteratur am Ende des Artikels (Literaturliste)

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Antidepressiva-Verordnungen
DDD =  Defined Daily Dose = Mittlere Tägliche Dosis

Nachdem die neuesten Meta-Analysen zu so prägnanten für die SSRIs recht negativen Ergebnissen kamen, beginnen Ärzte und Psychotherapeuten, ihre Patienten durch Aufklärung vor den Risiken zu warnen, die nach heutigem Wissensstand mit einer Langzeiteinnahme von Antidepressiva von mehr als fünf bis neun Monaten verbunden sind. Ab dem dritten Monat der Einnahme hören Antidepressiva auf zu wirken, zumal ihre Wirkung überwiegend eine Placebo-Wirkung darstellt. Nach fünf bis neun Monaten der Einnahme erfolgt  eine Weichenstellung in Richtung Rückfall – „rapid cycling“ – und Chronifizierung der Depression.

Da nach heutigem Stand eine Verhaltenstherapie während begleitender Psychopharmakologie in der Regel kaum nennenswerte dauerhafte Effekte erzielt, ist zu wünschen, dass die Verordnung von Antidepressiva den heutigen Kenntnissstand der Wissenschaft  über die Vor- und Nachteile und die Nebenwirkungen einer Therapie mit Antidepressiva in Kombination mit berücksichtigt.

Antidepressiva, SSRI – Was bringen sie ?

SSRI: Selektive Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer, z.B. Fluvoxamin, Fluoxetin, Paroxetin, Citalopram, Escitalopram, Sertralin....

Je mehr SSRIs über die Jahrzehnte – desto mehr Depressionen ! 1,2,3,4,5,6

SSRI sollen ein „chemisches Ungleichgewicht im Gehirn“ beseitigen helfen. Gibt es eine solche chemische Dysbalance ? Es gibt bisher keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass eine chemische Dysbalance für Depression verantwortlich ist. Es gibt also keinen Beleg für einen Mangel an Serotonin, an Noradrenalin, an Dopamin für Depression7,8,9.

arbeitslose Frauen + Antidepressivab
NIMH

Im Gegenteil:

Stephen Hyman, früherer Direktor des NIMH National Institute of Mental Health, 1996: SSRI stören die Neurotransmittefunktion (1), als kompensatorische Reaktion darauf versucht das Gehirn sein gestörtes Gleichgewicht aufrecht zu erhalten (2), die „chronische Anwendung der SSRI verursachen substantielle und langdauernde Veränderungen der nervlichen Funktion“ (3), schließlich funktioniert das Gehirn des Patienten nach einigen Wochen in einer Weise, die sich sowohl qualitativ als auch quantitativ vom Normalzustand unterscheidet (4)10.

Wie versucht das Gehirn das auszugleichen ?

Abnahme der Freisetzung von Serotonin im praesynaptischen Neuron in den Synapsenspalt (1), Verringerung der Dichte der Serotoninrezeptoren im postsynaptischen Neuron („Downregulation“) (2), Mäusestudien zeigen als Langzeiteffekt einen Abbau von Serotonin im Frontalhirn.

Noch 1964 war Depression ... im großen ganzen eine der psychiatrischen Konditionen mit der besten Prognose für eine letztendliche Genesung mit oder ohne Behandlung. Die meisten Depressionen sind selbstlimitierend11. Die meisten Depressionen enden in spontanen Remissionen12.

Das NICE National Institute of Clinical Excellence (2008): Eine Verbesserung von drei Punkten in der Hamilton Depression Rate Scale HDRS würde einen klinisch signifikanten Nutzen der SSRI demonstrieren. Vier untersuchte SSRIs (Prozac, Venlafaxin, Nefadozone, Paroxetin) erbrachten in den wissenschaftlichen Studien lediglich einen für depressiv erkrankte Patienten kaum bedeutsamen und statistisch nicht signifikanten Vorteil von 1.8 Punkten. - Es zeigte sich, dass SSRIs, was die Schwere der Erkrankung anbetrifft, fast ausschließlich bei sehr und extrem schweren Depressionen (Hamilton Depression Rate Scale über 23 Punkte) einen nennenswerten Effekt, bei mäßiger und schwerer Depression (HDRS unter 25 Punkte) kaum Wirkung zeigten. Deshalb empfiehlt das NICE ausdrücklich, bei leichter bis mittelgradiger Depression KEINE Antidepressiva als Erstzugangstherapie zu verordnen13,14.

  

 

 

 

 

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austria-antidepressiva

Die Langzeitwirkung von Antidepressiva:

Verordnung von Antidepressiva verkürzt die Intervalle zwischen den depressiven Episoden (1) und führt zu einem zunehmend chronischen Verlauf (2)15.

Eine niederländische Studie zeigte, dass „dass eine überwiegend systematische Langzeit- Medikation mit Antidepressiva ...... den paradoxen Effekt einer erhöhten Rezidivrate der vitalen Depression vor allem bei Patientinnen zur Folge hat. Mit anderen Worten, dieser therapeutische Ansatz war mit einer Zunahme der Rückfallrate und einer Abnahme der Zyklus-Dauer (Intervall bis zum Rückfall, „rapid cycling“) verbunden .... es wird ein unerwünschter Langzeit- Nebeneffekt der Behandlung mit trizyklischen Antidepressiva vermutet15.

Eine Meta-Analyse 1997 von Forschern von Harvard berichtet, dass 50% aller Patienten nach Absetzen der Medikamente innerhalb von 14 Monaten einen Rückfall hatten. Sie stellten darüber hinaus fest, dass, je länger ein Patient vor dem Absetzen ein Antidepressivum eingenommen hatte, die Rückfallrate umso höher war16.

Schlussfolgerung: Eine ursprünglich episodische Erkrankung wird in der Antidepressiva-SSRI Ära chronisch17,18,19 !

G. Fava, 1995: Antidepressiva in der Therapie der Depression mögen kurzfristig hilfreich sein, verschlimmern jedoch das Fortschreiten der Erkrankung auf lange Sicht, indem sie die biochemische Vulnerabilität für eine Depression erhöhen... Die Anwendung von Antidepressiva kann die Krankheit in einen malignen und auf eine Behandlung nicht mehr ansprechbaren Verlauf treiben20,21,22,23,24,25.

M. Posternak (2006): Wenn soviel wie 85% depressiver Patienten sich ohne medizinische Behandlung innerhalb eines Jahres spontan erholen, könnte es extrem schwierig für irgendeine denkbare andere Intervention sein ein Resultat zu demonstrieren, das besser ist26.

Eine Studie von M. Babyak, 200027, zeigt, dass Antidepressiva den Langzeit-Nutzen von Verhaltenstherapie deutlich verringern.

running gegen Depri
Selbstmord und Antidepressiva

SSRIs sind auf lange Sicht depressogen - das heißt: Sie verfestigen Depressionen !

G. Fava, 201128: Wenn wir die Behandlung auf 6 bis 9 Monate verlängern, können wir Prozesse initiieren, die den anfänglichen akuten Effekten von Antidepressiva entgegenarbeiten (= Verlust klinischer Wirksamkeit) .... Wir können die Krankheit darüber hinaus in einen malignen und behandlungsresistenten Verlauf hinein treiben, der die Form einer Resistenz oder beschleunigter Rückfälle annimmt. Wenn die Medikation beendet wird, können diese Prozesse unkontrolliert werden und Entzugssymptome sowie erhöhte Vulnerabilität für einen Rückfall zur Folge haben. Diese Prozesse sind nicht notwendigerweise reversibel.

P. Andrews, 201229: Je stärker Antidepressiva die Monoamin Niveaus im Hirn stören, um so mehr scheint das Gehirn gegenzuregulieren, was wiederum das Rückfallrisiko erhöht, wenn die Droge abgesetzt wird....die Antidepressiva-Einnahme scheint die (biologische) Empfänglichkeit für Depression zu erhöhen.

C. Bockting, 200830: Kontinuierliche antidepressive Behandlung kann den initialen akuten Wirkungen des Antidepressivums entgegenwirken .... und die Vulnerabilität für einen Rückfall erhöhen.

Tardive Dysthymie / Dysphorie:

Rif El-Mallakh, 201131: Ein chronischer und therapieresistenter Zustand entsteht unserem Denkmodell nach bei Patienten, die längere Zeit potenten Antagonisten von Serotonin-Reuptake-Pumpen (d. h. SSRIs) ausgesetzt sind. Aufgrund der Verzögerung im Auftreten dieses chronisch depressiven Zustandes wird er im angloamerikanischen Raum als „tardive dysphoria“ bezeichnet. Tardive Dysphorie manifestiert sich als chronisch dysphorischer Zustand, der anfangs durch antidepressive Medikation vorübergehend erleichtert wird – jedoch letztlich darauf nicht mehr anspricht. Serotonerge Antidepressiva sind wahrscheinlich von besonderer Bedeutung bei der Entwicklung tardiver Dysphorie.

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Depress seit 2000

Antidepressiva führen zu vermehrtem Auftreten von manisch-depressiver (bipolarer) Störung:

  • Jährliche Prävalenz in der Prae-Lithium-Ära: Einer von 3000 bis einer von 10.900
  • Prävalenz heute: Einer von 50 Erwachsenen

Antidepressiva sind heute eines der Einfallstore zu einer bipolaren (manisch-depressiven) Erkrankung. Die anderen sind illegale Drogen, Stimulantien und die Neigung der Behandler zu Überdiagnosen. 20 bis 40% der (unipolar) depressiven Patienten in den USA wechselten mit Langzeit Antidepressiva - Medikation in eine bipolare Erkrankung. - In einer Untersuchung von Mitgliedern der „Depressive and Manic-Depressive Association“ waren 60 Prozent der Patienten mit bipolarer Diagnose ursprünglich an einer major Depression erkrankt und ihre Erkrankung hatte sich in eine bipolare gewandelt, nachdem sie Antidepressiva erhalten hatten.

Letztlich wechselten 20 bis 40% der unipolar depressiven Patienten in den USA mit Langzeit Antidepressiva in eine bipolare Erkrankung. A. Martin, 200232,33

Zusammenfassung34:

  • Depression hat sich von einer episodischen Erkrankung während der Antidepressiven Ära zu einer chronischen verändert.
  • In naturalistischen Studien weisen die Patienten ohne Medikamente und nur mit Psychotherapie bessere Langzeitresultate auf.
  • Es gibt eine biologische Hypothese, warum Antidepressiva auf lange Sicht zu Depression führen und in zunehmend rascherer Folge („rapid cycling“) Rückfälle verursachen.
  • Langzeit Antidepressiva erhöhen das Risiko einer bipolaren Störung.
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Suizid und Aggression:

British Medical Journal im Januar 201635: Die größte durchgeführte Meta-Analyse zu Antidepressiva erschien im Januar 2016 im British Medical Journal. Forscher prüften 70 Studien mit insgesamt 18.526 Patienten. Sie fanden, dass Antidepressiva das Risiko von Suizid und Aggression bei Jugendlichen unter 18 Jahren verdoppelte. Dieses Risiko war nach den Autoren in den originalen Studienberichten fehlinterpretiert worden und sie vermuten, dass die Risiken für Erwachsene in ähnlicher Weise zu niedrig angesetzt worden sein könnten.

EINSCHUB: Deutsches Ärzteblatt PP 15, Ausgabe November 2016, Seite 497

Vereinigte Staaten von Amerika: Suizidzahlen auf Rekordhoch

In den USA nehmen sich so viele Menschen das Leben wie seit 30 Jahren nicht. Das Phänomen trifft beide Geschlechter, zieht sich durch alle Altersklassen; selbst bei Jugendlichen steigen die Zahlen.

 

 

Es sind immer mehr Frauen, Männer, gar Jugendliche von nebenan, die nicht mehr leben wollen oder leben können und die ihr Unglück in den Selbstmord treibt. Fast 43 000 Amerikaner sind allein im Jahr 2014 freiwillig aus dem Leben geschieden – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Hinzu kommen mehr als eine Million erfasste Selbstmordversuche (Quelle: American Association of Suicidology). Die Zahlen sind innerhalb weniger Jahre deutlich gestiegen: 1999 gab es in den USA keine 30 000 Selbstmorde, im Jahr 2011 waren es fast 40 000. Tod durch Selbstmord ist in den Vereinigten Staaten von heute die zehnthäufigste Todesursache.

Die Suizidrate ist seit 1999 um 24 Prozent gestiegen.

Die deutlichen Ergebnisse der CDC-Studie überraschen und irritieren: „Es ist wirklich verblüffend, eine so große Zunahme der Selbstmordraten in praktisch jeder Altersgruppe zu sehen“, kommentierte die Gesundheitsexpertin Katherine Hempstead von der Robert Wood Johnson Foundation die Ergebnisse in der New York Times. Diese Entwicklung Eltern, Pädagogen, Gesundheitsexperten und Forscher gleichermaßen auf.

 

 

Die Wirtschaftskrise allein kann jedoch nicht der Grund für die erschreckende Dynamik sein. ... Einen Zusammenhang scheint es auch zum gestiegenen Rauschgift- und Medikamentenkonsum zu geben; der Gebrauch von Antidepressiva und Opiaten wie Schmerzmitteln ist bei vielen der Selbstmordtoten nachweisbar.

EINSCHUB ENDE

„Deutsches Bündnis gegen Depression“ betont gleichwohl Antidepressiva vor Psychotherapie:

Das deutsche Bündnis gegen Depression empfiehlt entgegen der S3-Behandlungs-Leitlinie und dem heutigen, hier skizzierten wissenschaftlichen Kenntnisstand Antidepressiva als Erstzugangstherapie auch bei leichten und mittelschweren Depressionen. Dazu lieferten sich Befürworter und Gegner einer Psychotherapie bei leichten und mittelschweren Depression eine PRO versus KONTRA – Diskussion36,37.

Pillen

Literatur zu diesem Artikel

 

Den ganzen Artikel von Dipl.-Psych. T. Fehr herunterladen

TV Sendungen aus YouTube zum Thema ANTIDEPRESSIVA:

Müller-ÖrlinghausenInterview mit Prof. Müller-Örlinghausen, dem ehemaligen Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, über SSRI-Antidepressiva

 

 

 

 

NanoDer Copilot des German-Wings - Fluges, der den Absturz verursachte, nahm seit einer Woche das SSRI Antidepressivum Citalopram

 

http://www.depression-heute.de/blog/lubitz-nahm-das-SSRI-Antidepressivum-Citalopram

 

Psychopharmaka sind keine Lösung:

Forscher äußern Kritik

Pressemitteilung von: Ruhr-Universität Bochum

Angststörungen, Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom, Depression, psychische Störungen, Psychopharmaka, Psychotherapie,

publiziert in : Zeitschrift EMBO Molecular Medicine

12.09.2016

Ruhr-Universität Bochum

Medikamente helfen langfristig nicht gegen psychische Störungen – diese Meinung vertreten die Bochumer Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider in einem Kommentar in „EMBO Molecular Medicine“. Die Forscher der Ruhr-Universität haben zahlreiche Studien zusammengetragen, die die nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka infrage stellen, teils sogar negative Folgen bei längerer Einnahme dokumentieren. Dauerhaft wirksamer seien Psychotherapien. Die Autoren fordern, psychische Krankheiten nicht allein auf biologische Ursachen zu reduzieren, sondern Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen.

Die derzeit verfügbaren Medikamente können die Symptome psychischer Störungen nicht dauerhaft lindern. Zu diesem Schluss kommen die Psychologen Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider von der Ruhr-Universität Bochum in einem Kommentar in der Zeitschrift „EMBO Molecular Medicine“.

Medikamente haben nur kurzfristigen Effekt

Margraf und Schneider tragen zahlreiche Belege zusammen, die gegen eine nachhaltige Wirkung von Psychopharmaka sprechen. Medikamente gegen Depression, Angststörungen und das Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätssyndrom wirken nur kurzfristig; setzt der Patient sie ab, kehren die Symptome zurück. So lautet das Fazit der zitierten Studien. Ähnliche Befunde vermuten die Autoren auch für Schizophrenie-Medikamente.

Eine langfristige Einnahme der Arzneien könne sogar negative Folgen haben, etwa ein gesteigertes Risiko für eine chronische Erkrankung oder erhöhte Rückfallraten.

Psychotherapien nicht schnell genug verfügbar

Psychotherapien wie die Kognitive Verhaltenstherapie erzielen laut den Autoren hingegen langfristig deutlich besser anhaltende Effekte. „Das Hauptproblem mit der Psychotherapie sind nicht die Wirksamkeit oder Kosten“, sagt Silvia Schneider. „Es ist die mangelnde Verfügbarkeit.“ Während Psychopharmaka schnell verabreicht werden könnten, müssten Betroffene oft lange auf einen Therapieplatz warten.

Biologische Konzepte reichen nicht

Die Bochumer Psychologen befassen sich in ihrem Artikel auch mit der Frage, warum es nach 60 Jahren intensiver Forschung keine besseren Therapieoptionen gibt. Verantwortlich ist ihrer Meinung nach die weit verbreitete Vorstellung, psychische Störungen könnten sich allein mit biologischen Konzepten erklären lassen.

„Es ist heute Standard, den Patienten und der Öffentlichkeit zu erzählen, dass ein aus dem Lot geratenes Neurotransmittersystem die Ursache für psychische Erkrankungen ist“, erklärt Jürgen Margraf. Dabei sei nach wie vor nicht klar, ob dieses Phänomen Ursache oder Folge sei. Soziale Faktoren dürften nicht vernachlässigt werden. Auch die starren Kategorien von „krank“ und „gesund“ seien bei psychischen Störungen mit ihren vielen unterschiedlichen Ausprägungen nicht hilfreich, so Schneider und Margraf.

Weniger Pharmamarketing, mehr Psychotherapie

Die Autoren fordern, die Forschung zu biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren besser zu verzahnen und den engen Blick auf mögliche biologische Ursachen zu weiten. Große Pharmaunternehmen müssten das Marketing im Bereich Psychopharmaka zurückfahren. Außerdem sollten Betroffene schneller Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten bekommen.

Originalveröffentlichung:

Jürgen Margraf, Silvia Schneider: From neuroleptics to neuroscience and from Pavlov to psychotherapy: More than just the “emperor’s new treatments” for mental illnesses?, in: EMBO Molecular Medicine, 2016, DOI: 10.15252/emmm.201606650

http://embomolmed.embopress.org/cgi/doi/10.15252/emmm.201606650

    Pressekontakt

      Prof. Dr. Jürgen Margraf

      Klinische Psychologie & Psychotherapie

      Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum

      Tel.: 0234 32 23169; E-Mail: juergen.margraf@rub.de

       

      Prof. Dr. Silvia Schneider

      Klinische Kinder- und Jugendpsychologie

      Fakultät für Psychologie, Ruhr-Universität Bochum

      Tel.: 0234 32 23168, E-Mail

Schauenburg & Bschor
Schauenburg & Bschor 2e

Den ganzen Artikel von Prof. Schauenburg & Prof. Bschor herunterladen

  Literatur:

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  37. Hegerl, U. (2013) Sollten leichte Depressionen ausschließlich psychotherapeutisch behandelt werden? Kontra.  Nervenarzt 2013 · 84:388–389 DOI 10.1007/s00115-012-3729-9 Online publiziert: 20. Januar 2013 http://www.deutsche-depressionshilfe.de/stiftung/media/Hegerl_Nervenarzt_Januar_2013_Kontra.pdf
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