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AD(H)S-Kritik

AD(H)S: Übersicht

Ellrott: ADS und Schule

AD(H)S - Kritik

AD(H)S - 10 Tipps

ADS: Die unmögliche Diagnose

Eines der grundsätzlichen und ungelösten Probleme ist die Diagnostik bei "ADS". Ich glaube, unabhängig davon, ob es "ADS" überhaupt gibt, dass  das diagnostische Instrumentarium und die diagnostische Praxis derzeit inakzeptabel sind und eine Diagnostik im Einzelfall eigentlich kaum möglich machen. Ich begründe das damit, dass

1. es  keinerlei standardisierte, objektive, valide und zuverlässige Testverfahren speziell für "ADS" gibt;

2. sich die Diagnostik bei Kindern fast ausschließlich auf Verhaltensbeschreibungen  der Mütter, seltener der Lehrer oder Erzieherinnen, bei Erwachsenen auf Selbstbeschreibungen beschränkt. Solche Beschreibungen und die dabei zur Anwendung kommenden Fragebögen sind unzuverlässig,  unspezifisch, subjektiv beeinflusst und beziehungsabhängig (der Messfehler des Untersuchers geht unkontrolliert mit ein; besonders problematisch ist die Selbstbeschreibung von "Betroffenen", deren  Wahrnehmung ja möglicherweise verändert oder gestört ist (so z.B. Barkley, der auch vor den üblichen Fragebögen warnt: er kritisiert ein zu undifferenziertes Vorgehen bei der Diagnostik von ADS und hebt  dabei auf die Fragebögen zur Selbstbeurteilung ab, wodurch die Diagnose ADS "vom unaufmerksamen Typ" zu schnell gestellt werde. Die Diagnostik dürfe nicht nur auf dem Item Aufmerksamkeitsstörung  basieren. Auch bei anderen Krankheitsbildern (z.B. Depressionen) könne "Unaufmerksamkeit" vorkommen. Als Antwort auf die Frage "Ist jede Unaufmerksamkeit ein ADS" antwortet er mit einem  klaren "Nein". Er warnt davor, den Selbstbeurteilungs-Fragebögen in der Diagnostik einen zu großen Stellenwert zu geben, ohne allerdings zu sagen, wie sonst man diagnostizieren soll). - Man muss  außerdem wissen, dass es keine allgemeinverbindlichen Kriterien für die Diagnosenstellung des "Erwachsenen-ADS" gibt. Im Wesentlichen werden hier die Kriterien zur Diagnostik von Kindern angewandt.

Wie subjektiv Selbstbeschreibungen oder Mütteraussagen sind, wird deutlich, wenn man z.B. Mütter befragt, ob ihr Kind "hyperaktiv" sei. 40 Prozent bestätigen dies dann. Wenn man  Lehrer und Kinderärzte zum selben Kind zusätzlich befragt, stimmen Mütter, Lehrer und Ärzte aber nur in ca. 1 Prozent der Fälle überein (n. einer Untersuchung des Gesundheitsministers NW);

3.  die sonst oft zur Anwendung kommenden psychologischen oder neurologischen Testverfahren nichts "ADS"-Typisches aussagen und für diese Störung nicht konstruiert oder geeicht sind. Es sind  Testverfahren, die auch sonst bei anderen Untersuchungen angewendet werden, wobei der Untersucher aber keinerlei wissenschaftliche Auswertungskriterien für "ADS" hat. Dies bleibt seiner eigenen  Entscheidung überlassen;

4. die Diagnose mit Hilfe der gängigen Kriterienkataloge des DSM IV und ICD 10 ebenfalls nicht beobachterunabhängig ist. Die Kriterien kranken unter ungenauen oder  fehlenden Definitionen und nichtrepräsentativen Häufigkeitsverteilungen ihrer Merkmale. Keiner weiss, warum z.B. 6 dieser Kriterien erfüllt sein müssen (und wann genau sie erfüllt sind), und nicht 5 oder 7.  Die Gültigkeit dieser Kataloge ist fraglich, ihre Zuverlässigkeit (Beobachterübereinstimmung bzw. Retest) nur teilweise gegeben. Eine Befragung von 500 Ärzten in den USA ergab, dass nicht einmal 10 Prozent  von ihnen das DSM IV als Hauptinstrument bei der Diagnose benutzen; nicht wenige fanden es sogar für eine "gute" Diagnose hinderlich. Bisherige wenige Validitätsuntersuchungen der Diagnose  "ADS" belegen lediglich, dass Menschen, die in bestimmten Situationen verhaltensauffällig sind, auch in anderen Situationen verhaltensauffällig sind: ein ubiquitäres und wohl kaum ADS-spezifisches  Ergebnis (z.B. Lahey 1998).

ICD 10 und DSM IV sind obendrein nicht identisch, so dass die Diagnose unterschiedlich ausfällt, je nachdem, wo ein Kind lebt und welcher Katalog angewendet wird. Das  macht auch den internationalen Vergleich von Forschungsstudien, die somit unterschiedlich zustande gekommene Diagnosen verwenden, meist fraglich;

5. die sog. "komorbiden" Störungen  (z.B. Lernstörungen, Verhaltensstörungen, Wahrnehmungsstörungen etc.) einen sehr großen ( bis zu 90 Prozent) Überschneidungsbereich mit "ADS" haben. Es ist wissenschaftlich unklar, ob sich  "ADS" als eigenständiges Syndrom von diesen sog. "komorbiden" Störungen überhaupt abgrenzen lässt. Wahrscheinlich gibt es diese Störungen (die für sich betrachtet durchaus existieren) als  "komorbid" gar nicht, weil es auch "ADS" nicht gibt;

6. definitionsgemäß "ADS" eine Hirnstoffelwechselstörung zugrunde liegt. Diese wird aber, obwohl einzig  beweisend, für die Diagnose nicht untersucht. Deshalb weiss niemand auch nur annähernd exakt, ob die gegenwärtig erhobenen "ADS"-Diagnosen auf diese Hirnstoffwechselstörung schließen lassen.  Experten schätzen bis zu 80 Prozent Fehldiagnosen;

7. Untergruppierungen zu "ADS" (mit und ohne Hyperaktivität; mit und ohne Hypoaktivität) ungeklärt und differentialdiagnostisch  schwierig bis unmöglich sind. Gibt es ADS mit und ohne Hyperaktivität? Keiner weiss das genau. Manche sagen ja, andere, der ADSler würde grundsätzlich "hin- und herpendeln" zwischen  "Hypo" und "Hyper".

"Hyperaktivität" wie auch "Aufmerksamkeit" und "Impulsivität" sind Merkmale, die nicht nur uneinheitlich definiert, sondern  auch uneinheitlich oder gar nicht messbar sind, Normen liegen keine vor. Es besteht keine Einigkeit darüber, dass diese "Trias" überhaupt kennzeichnend für "ADS" ist. Manche  Wissenschaftler sagen, man solle nur die Aufmerksamkeitsstörung heranziehen, Hyperaktivität weglassen (z.B. Specht), andere betonen, dass grundsätzlich alle 3 Merkmale erfüllt sein müssten (z.B. Barkley).  Die einen sehen in ADS eine krankhafte Störung (z.B. Barkley), die anderen lediglich eine verkannte "Jäger- bzw. Farmer"konstitution bzw. eine positive Variante des Normalen (z.B. Hartmann).

Es verwundert nicht, dass ein so unscharf und uneinheitlich, ja widersprüchlich definiertes Syndrom diagnostisch nicht eindeutig fassbar sein kann;

8. all diese Unzulänglichkeiten  zu einer uneinheitlichen Diagnosepraxis führen, bei der Diagnosen innerhalb von 3 Minuten bis zu mehreren Stunden oder Tagen gefunden werden. Die Dauer der Diagnostik allein kann dabei aber angesichts der  Unzulänglichkeit der eingesetzten Instrumentarien auch kein ausreichendes Effizienzmerkmal sein.

Die subjektive Natur der ADHD-Diagnose ist einer der Gründe für die extremen Unterschiede in der  Behandlung mit Ritalin. Nach einer zweitägigen Anhörung von Sachverständigen vor den Nationalen Instituten der Gesundheits-Konsens-Konferenz für ADHD in den USA erklärte 1998 der einzige Kinderarzt des  Panels die Diagnose eine „Verwirrung“. Ein anderer prominenter pädiatrischer Forscher nannte sie öffentlich eine „Verlegenheitslösung“. Das gegenwärtige Konzept von ADHD, wie es in der amerikanischen  Psychiatrie im statistischen Diagnosehandbuch (DSM-IV) und in der Alltagspraxis der medizinischen Versorgungswirklichkeit festgelegt ist, erzeugt beträchtliches Durcheinander und Widersprüche bei der Frage,  wer Ritalin erhalten oder nicht erhalten sollte.

Mein derzeitiges Fazit: Es gibt Lernstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Konzentrationsstörungen, Verhaltensstörungen etc. etc, die man einzeln  und kombiniert relativ gut diagnostizieren kann. Es gibt aber kein Syndrom "ADS", schon gar keines, das man zuverlässig diagnostizieren könnte.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt

 

DIE ADHD-ÜBEREINSTIMMUNGS-KONFERENZ: ENDE DER EPIDEMIE
 

von MD Fred A Baughman jr., 12/7/1998

Vergebliche Frage: Ist ADHD eine wirkliche Krankheit mit einer  bestätigten körperlichen Abweichung (laut medizinischer Definition), oder liegt es an den Medien, dass diese „Epidemie“ andauert und sich ausbreitet?

Ohne ein Jota an Beweis oder glaubwürdiger  Wissenschaft erklärte das National Institut of Mental Health (NIMH) [ 1 ], ADHD sei eine "Krankheit" und die Kinder "gehirnkrank," "anormal." CHADD (Kinder und Erwachsene mit  ADD), 35000 Mitglieder stark, finanziert durch Ciba-Geigy [ 2 ], Hersteller von Ritalin, hat diese "neuro-biologische" Lüge verbreitet. Das US-Department of Education [ 3 ] unterstützt diese  Etikettierung und Drogenbehandlung der Kinder, ohne sich ein eigenes und unabhängiges Bild zu machen.

Die "Epidemie" explodierte von 150.000 im Jahre 1970 auf fünf Millionen Kinder im  Jahre 1997. Die Produktion von Ritalin stieg in dieser Zeit um 700% [ 4 ]. Als Neurologe, der täglich "Krankheit" von „keine Krankheit" unterscheiden muss, habe ich wirkliche Krankheiten [  5.6.7 ] entdeckt und beschrieben, aber ich fand bei den mit ADHD bezeichneten Kindern keine Krankheit, keine Abweichung. Auch die wissenschaftliche Literatur liefert keinen Beweis, dass ADHD eine Krankheit  ist, d.h. dass diese Kinder "erkrankt" oder "anormal" sind.

Kety und Matthysse [ 8 ] folgern: "...die... Literatur liefert keine Beweise für... biologische Abweichungen  im Gehirn von seelisch Kranken.“ Das Office of Technology Assessment des amerikanischen Kongresses [ 9 ]folgert: "Seelische Störungen werden auf der Grundlage von Symptomen eingestuft, weil es... keine  biologischen Marker oder Labortests gibt" (keine Möglichkeit der exakten Bestätigung, dass es wirkliche Krankheiten sind).

PAM [ 10 ] beobachtet: "..dass jede emotionale Erfahrung  physiologisch unspezifisch sein kann". Ernst [ 11 ], ein ADHD-Forscher, beklagt: "Die Definition... hat sich im Laufe der Zeit geändert..., was den Vergleich von Studien schwierig mache... Kinder,  die entsprechend DSM-III-R diagnostiziert wurden, können nicht verglichen werden mit denjenigen, die nach DSM III diagnostiziert wurden.“

Ich habe regelmäßig an ADHD-Kapazitäten geschrieben und  sie gebeten, mir den einen oder anderen Artikel aus der wissenschaftlichen Literatur zu benennen, der Beweise dafür anführt, dass ADHD eine Krankheit mit bestätigter, körperlicher Abweichung ist. Leber [ 12  ] von der FDA reagierte: "... ist bisher keine unterscheidende Pathophysiologie (Abweichung) für die Störung abgegrenzt." Haislip [ 13 ] von DEA, schrieb: "Uns ist nicht bekannt, dass ADHD  validiert worden ist." Swanson von der Universität von Kalifornien, Irvine, hat nie geantwortet. Vor der Amerikanischen Gesellschaft für Jugendlichen-Psychiatrie folgerte er jedoch [ 14 ]: "Ich  hätte gern eine objektive Diagnose für ADHD. Die psychiatrische Diagnose ADHD... ist vollständig subjektiv... validieren wir sie!"

Castellanos [ 15 ] von NIMH bekennt: "..., wir haben  bisher keine spezifische Pathophysiologie nachweisen können... wir werden durch den Glauben motiviert, dass dies in naher Zukunft möglich sein könnte“. Carey [ 16 ], Universität von Pennsylvania, antwortete:  "Es gibt keine solchen Studien. Es gibt viele Studien, die Zweifel aufwerfen, aber keine, die den Beweis erbringen, den Sie und ich suchen“.

Unter der Überschrift: "Ist ADHD ein  gültige (valide) Störung?" folgerte Carey [ 17 ] auf der Übereinstimmungskonferenz für ADHD (NIH) vom 16.-18. November 1998: "... gewöhnlich wird angenommen, dass ADHD klar unterscheidbar von  normalem Verhalten sei, ein neurobiologisches Ungleichgewicht bedeutet und von Umweltbedingungen ziemlich unbeeinflussbar sei. All diese Annahmen müssen aber aufgrund der Schwäche empirischer Beweise und der  Stärke gegensätzlicher Erfahrungen unbewiesene Annahmen bleiben. Was derzeit in den Vereinigten Staaten als ADHD beschrieben wird, scheint eine Sammlung von im Normbereich liegenden Verhaltensvariationen zu  sein. Diese Diskrepanz (zwischen wissenschaftlichen Belegen und der Praxis) lässt an der Gültigkeit des Konstrukts ADHD zweifeln."

Ohne einen Gegenbeleg zu Careys Aussagen sagt das  Abschluss-Statement der Konferenz (p.3, Zeilen 10-13): "... wir haben keinen unabhängigen, gültigen Test für ADHD und es gibt keine klaren Belege dafür, dass ADHD eine Gehirnstörung zu Grunde  liegt." Der Wissenschaftsautor A.C. Clarke warnt: "Wissenschaft basiert nicht auf der Übereinstimmung von Experten. Vielmehr schreitet sie voran durch das rigorose Infragestellen, unabhängiges  Denken und, wenn es notwendig ist, durch den Mut, festzustellen, dass der Kaiser keine neue Kleidung hat (sondern nackt herumläuft, H.-R. Sch.)." Der Kaiser hat tatsächlich keine neuen Kleider! „Es ist  nicht," wie ich [ 18 ] in meiner Anhörung sagte, "nur eine Angelegenheit von Fehldiagnosen oder Über-Diagnosen, es ist ein vollständiger, hundertprozentiger Betrug!“. Ohne Beweis einer Krankheit,  d.h. ohne Beweis, dass die Kinder anders als normal sind, fragt man sich, woher der unerschütterliche Glaube, ADHD sei eine Krankheit, gekommen ist?

Afield [ 19 ], ein Psychiater, bezeugt 1992  vor dem Kongress in einer Anhörung zu psychiatrischem Krankenhaus-Betrug: "Was das DSM-III anbelangt: Jeder in diesem Raum passt selbst in zwei oder in drei der Diagnosen. Im DSM IV wird es wieder  einige neue Krankheiten geben. Jede neue Krankheit erhält ein neues Programm, neue Aufnahmen, ein neues System, sie abzurechnen... " Carey [ 17 ] beobachtete weiter: "ADHD-Verhalten wird breit und  vollständig auf eine gestörte Hirnfunktion zurückgeführt. Das DSM IV behauptet dies gar nicht, aber Lehrbücher und Journale."

Stephanie Hall, Ohio, glaubte, dass ADHD eine Krankheit sei.  Sie nahm ihr Ritalin, fromm. Ihre Eltern, Mike und Janet Hall, glaubten auch daran. Stephanie Hall starb im Schlaf, 6 Tage vor ihrem 12. Geburtstag, nicht an ADHD -- weil es so etwas nicht gibt -- aber am  Ritalin, weil Ritalin ein Benzedrin ist und weil Benzedrin eine lange Geschichte plötzlicher Herztodesfälle hat, sogar bei Kindern.

Es sind normale Kinder, die mit Drogen behandelt werden Es  gibt keinen Gegenbeweis! Es ist Zeit, die Frage aufzuwerfen "Ist es eine Krankheit oder nicht“? um eine direkte Antwort zu verlangen und sie der Öffentlichkeit mitzuteilen.

 

ADS bei Erwachsenen: Ein Wintermärchen

von H.-R. Schmidt

Ist das nosologische Konzept sowie die diagnostische Prozedur "ADS" bei Kindern schon sehr fraglich bis unmöglich, so  verhält es sich bei seiner Übertragung auf Erwachsene um ein restlos fragwürdiges Unterfangen.

Einer der Ersten, der behauptete, das bei Kindern zu findende "ADS" lege sich nicht  wieder, sondern pflanze sich zumindest bei einem Teil der Patienten ins Erwachsenenalter fort, ist PH WENDER. Er geht davon aus, dass zwischen 11-80 Prozent (!!!) der ADS-Kinder auch als Erwachsene noch  betroffen sind, im Durchschnitt ca. 50 Prozent. Damit wären 1-6 Prozent aller Erwachsenen von ADS betroffen.

Wenn man nun aber fragt, wie man auf diese Diagnosen und Zahlen kommt, muss man  feststellen, dass die Diagnose des Erwachsenen-ADS wissenschaftlich auf äußerst schwachen Beinen steht. Man findet sie, indem man quasi von hinten durch die Brust ins Auge zielt:

Zunächst  einmal gibt es gar keine DSM- oder ICD-Kriterien oder -Nummern bzw. diagnostischen Manuale für diese Erwachsenen-Diagnose. Das heisst, offiziell gibt es diese Krankheit bei Erwachsenen gar nicht. Zum Zweiten  werden deshalb in der Regel die Kriterien für Kinder angewendet, was natürlich vollkommen zweifelhaft ist. Zum Dritten, und dies ist besonders kritikwürdig, muss für die Erwachsenen-Diagnose sichergestellt  sein, dass die Krankheit bereits ab dem ca. 7. Lebensjahr existiert. Und um dies festzustellen, muss der Erwachsene mit Fragebögen und Interviews (z.B. den "WENDER-Utah-Kriterien") aus seiner  jahrzehntelang zurückliegenden Kindheit Auskunft geben: wissenschaftlich ein sehr fragwürdiges und fehlerträchtiges Unterfangen, eigentlich eine Suggestiv-Selbstdiagnose voller subjektiver Fehlerquellen. Man  befragt den Patienten ja nicht über "harte" Kindheitsdaten, sondern über verschwommene und unspezifische Verhaltensweisen.

Eine solche "retroaktive" Diagnostik steht für  wissenschaftliche Fragwürdigkeit. Dass Methylphenidat auch bei Erwachsenen "hilft", beweist (wie beim Kinder-ADS auch) gar nichts, ausser, dass Stimulantien bei der Mehrzahl der Menschen wirken.  Dass die verhaltensrelevante Wirkung je nach vorliegender Verhaltensstörung bzw. Temperamentslage unterschiedlich ausfallen kann, beweist nicht die Diagnose ADS.

 Mein Fazit: Worunter auch immer ein Erwachsener leiden mag: "ADS" heisst es nicht.

Wolf-Rüdiger Horn,  Kinderarzt und Suchtbeauftragter des BVKJ ( Berufsverband der Kinder- u. Jugendärzte)

(am 22.08.01 in PÄDINFORM – KJGD):

In der heutigen Ausgabe der JAMA erscheint unter "Medical News & Perspectives" ein Beitrag von Brian Vastag mit dem Titel "Pay Attention: Ritalin Acts Much Like Cocaine".

Er greift noch einmal die Forschungsergebnisse von Nora Volkow zum Wirkmechanismus von Methylphenidat im Dopaminstoffwechsel auf, erklärt  (leider, leider in Englisch) das "Pragmatische Paradox" der durchaus segensreichen Wirkung der Substanz trotz chemischer Nähe zu Kokain und anderen Drogen. Ein Leckerbissen für  Neurophysiologie-Freaks!

Dann aber, ziemlich am Schluss auch der Abschnitt: "The long-term dopamine effects of taking methylphenidate for years, as many do, are another unknown. The only  two large epidemiological studies conflict. One reports more drug addiction in children with ADHD who took methylphenidate compared with children with ADHD who took no drug (J. Learn. Disabil. 1998; 31:  533-544); the other shows the opposite result (Pediatrics 1999; 104:e20)." (Auf Deutsch: Die Langzeitauswirkungen aufs Dopaminsystem bei jahrelangem Methylphenidatgebrauch, wie ihn viele praktizieren,  sind weiterhin unbekannt. Die einzigen beiden großen epidemiologischen Studien hierzu widersprechen sich. Die eine findet mehr Drogensucht bei Kindern mit ADHD, die Methylphenidat nahmen, im Vergleich zu  Kindern mit ADHD, die kein Methylphenidat nahmen; die andere behauptet das Gegenteil (Übersetzung von H.-R. Schmidt)).

Möglicherweise macht chronischer Ritalinkonsum doch anfälliger für eine verminderte Hirnaktivität von Dopamin ähnlich wie Kokain?  "It's a key question nobody has answered." (Diese Kernfrage hat noch niermand beantworten können).

W.-R. Horn

Ist ADS eine Erfindung?

Nicht nur Zahlen über betroffene unruhige Kinder  sind ein Politikum, sondern ebenso jene Kürzel und Bezeichnungen, die ich in den letzten Abschnitten nur sehr knapp wiedergegeben habe. So steht z.B. der Vorwurf im Raum, dass erst die Etablierung des  Begriffs Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom in den USA zu einer ökonomischen Verwertung führen konnte, die in der Geschichte der Medizin fast beispiellos ist. Es ist inzwischen mit Fakten belegt, dass die  American Psychiatric Association (APA) ihren ganzen Einfluss geltend machte, um ADS - in den USA spricht man von ADHD - ins wichtige Diagnostical and Statistical Manual of Mental Disorders aufnehmen zu  lassen. Fast gleichzeitig ging die APA weitreichende Partnerschaften mit pharmazeutischen Konzernen ein, die zunächst dem Ziel dienten, den noch mächtigen Einflussbereich der »sozial denkenden Psychiatrie«  zurückzudrängen und in einem zweiten Schritt einen erweiterten Absatzmakt für Psychopharmaka zu schaffen. Dies war nur möglich, indem die Vorstellung somatischer bzw. hirnorganischer Ursachen für das  Massenphänomen »Hyperaktivität« und »Aufmerksamkeitsstörung« wieder aufgewärmt und mit einer einheitlichen, möglichst medikamentösen Strategie versorgt wurde. Es gab aber auch kritische Stimmen aus dem  eigenen Lager, die die Indizien für Manipulation erhärtete. Der Psychiater Lester Shapiro schrieb 1991 in dem Artikel APA and Drug Companies: »Es wäre besser, wenn wir in eine ernsthafte Untersuchung und  einen Dialog einträten, als in geheimem Einverständnis mit einer Industrie zusammenzuarbeiten, dessen Ziel es ist, den Gebrauch von Medikamenten anzukurbeln, indem sie die Indikationen für ihre Medikamente  erweitert, Langzeitanwendungen propagiert, negative Begleiterscheinungen herunterspielt, in Aussagen über ihre Wirksamkeit übertreibt, begleitende Therapien herabsetzt oder ähnlich wirkende Medikamente  herabsetzt.«

An der Realität von Aufmerksamkeitsstörungen, Zappeligkeit, dem weitgehenden Verlust von Impulskontrolle und von extremer körperlicher Unruhe werden diejengen niemals zweifeln, die  diese Kinder kennen. Eltern, Lehrer, Therapeuten und die Betroffenen selbst sind die Zeugen dieses um sich greifenden Phänomens. Es ist aber ernsthaft die Frage zu stellen, ob alles, was derzeit unter diese  unscharfe Kategorie fällt, wirklich dazu gehört oder ob gerade die diffuse Definition, verbunden mit der Tendenz zur Pathologisierung, den ökonomischen Zielen mehrerer Gesellschaftsgruppen in den USA - und  mittlerweile auch in Europa - dient. Die »Erfindung ADS« besteht in der Propagierung dieses Syndroms, mit dem Ziel, komplizierte seelische Probleme auf eine simple Berechnungsgrundlage herunterzureden.  Immerhin wird die größte Elterninitiative in den USA mit 45.000 Mitgliedern direkt von Novartis finanziert. Ch.A.D.D. (Children and Adults with Attention Deficit Disorder) vertritt nur eine einzige Sicht:  ADS hat eine neurobiologische Ursache und muss medikamentös behandelt werden. Nach Ansicht des Psychoanalytikers Reinhard Voss trifft diese Sponsorenmeinung auf längst bereiteten Boden: So »ist seit Beginn  der 80er Jahre eine zunehmende Bereitschaft von Eltern, Lehrern, Erziehungsberatern und Ärzten wahrzunehmen, abweichendes Verhalten von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Medikamenten reduzieren oder gar  beheben zu wollen. Losgelöst von den sozialen Entstehungszusammenhängen werden Fehlverhaltensformen von Kindern medizinischen Kategorien zugeordnet und aus der Sicht eines im wesentlichen (hirn-) organisch  orientierten Krankheitsverständnisses behandelt«. 4

Die Ritalin-Kontroverse

Bereits seit 1957 (!) ist ein Mittel bekannt, das  in den ersten zwanzig Jahren ein eher stilles Dasein in der Menge ähnlicher Stimulantien fristete: das vom schweizerischen Konzern Novartis entwickelte Ritalin (mit dem Wirkstoff Methylphenidat). Folgendes  Szenario stellt man sich heute bei der Wirkung dieses Medikaments vor: Zentrale Stimulantien beeinflussen über das Gehirn das vegetative Nervensystem, indem sie die körpereigenen Botenstoffe Noradrenalin und  Dopamin freisetzen. Von Nervenzellenendigungen freigesetzte Botenstoffe binden kurz an spezielle Rezeptoren auf einer anderen Zelle an und lösen so bestimmte Wirkungen in der Zelle aus. Nach der Bindung an  die Rezeptoren werden die Botenstoffe wieder in die ursprüngliche Nervenzelle aufgenommen. Die zentralen Stimulantien hemmen diese Wiederaufnahme der Botenstoffe. Methylphenidat (Ritalin) sorgt also dafür,  dass mehr Noradrenalin und Dopamin im Gehirn zur Verfügung stehen. Die Stimulantien bewirken im Körper eine erhöhte Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit.

In den USA steigt der  Absatz von Ritalin seit den siebziger Jahren, also seit der Diskussion um die organischen Ursachen von Hyperaktivität, stetig. Besonders auffällig ist jedoch der »Dammbruch«, der mit der offiziellen  Definition »ADHD« und der Verfilzung zwischen den Verbands-Psychiatern und der Pharmaindustrie eintrat.

Die Verschreibung von Methylphenidaten an Schulkinder hat sich in den Vereinigten Staaten  zwischen 1971 und Mitte der achziger Jahre alle vier Jahre verdoppelt und im letzten Jahrzehnt allein etwa versiebenfacht, schätzen die Fachleute. 5 Über vier Millionen amerikanische Kinder und Jugendliche werden heute mit Ritalin therapiert. Die USA konsumieren damit fünfmal mehr Ritalin pro Kopf als vergleichbare Industrienationen wie Großbritannien oder Japan. Es ist geradezu überflüssig zu sagen, dass dies nichts mit einem realen Unterschied in der Häufigkeit von ADS zu tun haben kann. Vielmehr spiegeln sich hier offenkundig gesellschaftliche Entscheidungsprozesse über das Grundverständnis von verantwortungsvoller Diagnose, Behandlungsbedürftigkeit und Heilung wider.

In Deutschland macht sich allerdings unter dem Propagandadruck für eine schnelle medikamentöse Behandlung von ADS ein Stimmungswechsel bemerkbar. Die Irritation über mögliche Gefahren der  Ritalinbehandlung und das skandalöse Fehlen von Langzeitstudien (nach über vierzig Jahren Präsenz auf dem Pharmamarkt) lässt viele Lehrer, deren Schüler das Medikament bekommen, eine ablehnende Haltung  einnehmen. Es gibt sogar Schulleiter, die Schüler wieder nach Hause schicken, wenn sie mit Ritalin gesehen werden. Dies hat erst kürzlich zu einem aufgeregten Artikel im Deutschen Ärzteblatt 6 geführt (»Lehrer greifen in die Therapiehoheit ein«). Auf die Frage eines Journalisten, ob Lehrer denn nicht wüssten, dass hinter dem »Zappelphilipp ein genetischer Defekt des Hirnstoffwechsels« stecke, antwortete der Leiter des Landesgesundheitsamtes Niedersachsen, Prof. Windorfer: »Sie können von einem Lehrer nicht verlangen, dass er solche Zusammenhänge kennt. Da überfordert man den Lehrer.« Was die Kontroverse um Ritalin im Kern ausmacht, ist aber gerade die Tatsache, dass alle bisherigen Grundannahmen über die hirnorganische Ursache von ADS und die Wirkungsweise von Methylphenidat ungesichert sind und überhaupt nicht abschätzbar ist, welche Langzeitwirkungen die Einnahme von Ritalin haben kann (vgl. dazu das Interview mit Frofessor Hüther).

Neben vorsichtigen Indikationen, die nur in Verbindung mit einer Psychotherapie und/oder einer Elternberatung gestellt werden, kommt es immer häufger zu Überdosierungen und einer  unverantwortlichen Verschreibungspraxis für Kinder unter drei Jahren. 7

ADS als mentaler Zustand des Zeitgeists

Die Tatsache, dass die folgenden  Zeilen überhaupt nötig sind, zeigt, wie wenig wir uns Rechenschaft über die Wirkung unserer Lebensgewohnheiten und die Ausstrahlung auf die um und mit uns Heranwachsenden ablegen. Zwei amerikanische  Kinderpsychiater, die Autoren Hallowell und Ratey, haben eine Art Seelenbild unseres westlichen Großstadtlebens gezeichnet und die Frage nach dem inneren Nachwirken gestellt. Demnach passe das medizinische  Syndrom ADS perfekt in die Gangschaltung unserer derzeitigen Kultur. Das rasante Tempo des Alltags, die Suche nach Stimulation im Musikgedröhn, die Liebe zum Schnellimbiss, die Verbreitung globaler  Nachrichten auf allen Kanälen, Handys, unser Appetit auf Gewalt, Action und Abenteuer, unsere Eile und Ungeduld, die Ausbreitung der Spielleidenschaft, die Sucht nach Extremen und Gefahren - all diese  modernen Eigenschaften sollten wir uns einmal personifiziert vorstellen. Was könne anderes dabei herauskommen, als die beschriebenen Verhaltensweisen der Hyperaktivität und der Konzentrationsschwäche? Wenn  die fehlende Selbstzentrierung schon den Erwachsenen nicht mehr gelingt, wie soll es dann Kindern ergehen, die an unserer Seite nach Orientierung suchen?

Vor dem Hintergrund solcher  Lebensbedingungen werden Kinder rasch zu Symptomträgern. Der Leistungsdruck und die hohe Erwartungshaltung der Erwachsenen tragen zur Auffälligkeit des Kindes bei. Wir verlangen, dem Zeitgeist entsprechend,  nach schnellen Lösungen. Wir bevorzugen eine Außenperspektive, die uns Hoffnung macht, die Störung am Kind zu beheben anstatt nach Ursachen im eigenen Verhalten zu fragen. Der Kinderpsychologe Ernst Zangerl  rät daher dringend Abstand zu nehmen »von all jenen Behandlungsmethoden, die die Illusion erwecken, aus dem problembeladenen Kind könne der Therapeut mit einem kleinen, schnellen Eingriff oder durch  Verabreichung eines Mittels ein glückliches Kind erzeugen«.

Stattdessen sollte damit begonnen werden, das Verhalten als Ausdruck und als Signal für gestörte Beziehungen zu erkennen. Viele dieser  Kinder bekommen zu wenig Zuwendung, ihnen fehlt die »stabile Einbettung in verlässliche und klare Beziehungen«.

Vermutlich sind es gerade die verlässlichen Rahmenbedingungen, die  Überschaubarkeit von Lebensverhältnissen und das vorgelebte Interesse, das den Kindern - unabhängig von irgendeinem »Begabungsniveau« - die Voraussetzung dafür abgibt, später einmal nach anderen Ufern  Ausschau zu halten, Grenzen zu überschreiten und Denkgewohnheiten in Frage zu stellen. Wie sollen diese Möglichkeiten jemals konstruktiv in die Welt treten, wenn die Aufmerksamkeit für die  Entwicklungsbedingungen der Kinder auf Seiten der Erwachsenen gestört ist? Vor diesem Hintergrund wirkt die Monokausalitätsannahme der hirnorganischen Störung abweichenden Verhaltens wie ein verzweifeltes  Festklammern an einer Bastion, die aber schon längst nicht mehr zu halten ist.

Die Behandlung von Kindern mit  Stimulanzien

ANGOLD et.al. haben in einer guten, großen und prospektiven epidemiologischen Untersuchung zur Stimulanzienbehandlung von Kindern und Jugendlichen in den USA Interessantes herausgefunden. Sie untersuchten eine repräsentative Stichprobe von 4500 Kindern zwischen 9 und 16 Jahren zu 4 Zeitpunkten in jährlichen Abständen (also über 4 Jahre hinweg) durch strukturierte Befragungen von Eltern und Lehrern. Hier einige Ergebnisse:

1. 3,4 Prozent aller Kinder hatten irgendwann die Diagnose ADHD (5,3% der Jungen und 1,5% der Mädchen). Weitere 2,7 Prozent wiesen Beeinträchtigungen im Sinne von ADHD auf, ohne die Diagnose zu  haben, so dass insgesamt 6,2 Prozent aller Kinder entweder die Diagnose oder vergleichbare Beschwerden aufwiesen.

2. Insgesamt 7,3 Prozent aller Kinder der Gesamtstichprobe wurden irgendwann im  Untersuchungszeitraum mit Stimulanzien behandelt, also mehr als doppelt soviele, wie die Diagnose ADHD vorkam.

3. Die Kinder, bei denen die Diagnose ADHD vorkam, wurden zu 72 Prozent mit  Stimulanzien behandelt (80% der Jungen, aber nur 41% der Mädchen). Diejenigen Kinder, bei denen ADHD-vergleichbare Symptome, aber keine Diagnose vorlagen, wurden zu 23 Prozent mit Stimulanzien behandelt, und  5 Prozent aller Kinder, die keine Diagnose oder vergleichbare Symptome hatten, wurden dennoch mit Stimulanzien behandelt (ohne eine andere die Medikation begründende Krankheit wie z.B. Narkolepsie zu haben). Insgesamt war die Anzahl der mit Stimulanzien behandelten Kinder ohne ADHD-Diagnose größer als diejenige der Kinder mit ADHD.

4. 57 Prozent der mit Stimulanzien behandelten Kinder  hatten bei korrekter Anwendung der Diagnoserichtlinien gar kein ADHD oder vergleichbare Symptome.

Hier wird das alltägliche Diagnose-Chaos und die sehr oft willkürliche Medikation mit  Stimulanzien bei ADHD also wissenschaftlich sehr deutlich belegt. Ich finde das erschreckend.

NEUES VOM  ZAPPELPHILIPP: ADHS-KINDER BESSER VERSTEHEN UND BEHANDELN
von Gerald Hüther und Helmut Bonney

Ein roter Faden zieht sich durch dieses Buch: das gängige biologische ADHS-Konzept kritisch zu hinterfragen, in wesentlichen Teilen einer Revision zu unterziehen  und, vor allem, um den bisher sträflich vernachlässigten psychosozialen Milieufaktor zu ergänzen. Die Autoren (der Göttinger Hirnforscher Prof. Dr. Hüther und der bekannte Psychotherapeut H. Bonney) möchten  allerdings dem "Schock" bisheriger populärer ADHS-Bücher (1 Schock=60 Stück) nicht einfach ein61. hinzufügen, in dem die mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein ziemlich fest verankerten bisherigen "Erkenntnisse" zu ADHS unkritisch fortgeschrieben  werden. Vielmehr wollen sie wirklich Neues vom Zappelphilipp bringen, indem sie die Erkenntnisse moderner Hirnforschung in eine Synthese mit der menschlichen Erfahrung, mit der psychosozialen Umwelt, in der  Kinder heranwachsen, also mit der modernen Entwicklungsbiologie und -psychologie bringen. Und das Ganze als leicht zu lesendes "Elternbuch".

 Fraglicher Dopaminmangel: Eine Kernannahme wankt

Sie weisen darauf hin, dass in den letzten Jahrzehnten weltweit etwa 250 000 Studien zu ADHS erschienen sind, ohne dass sich z.B. die  sogenannte "Dopaminmangel-Hypothese" (eine Kernthese des gängigen ADHS-Konstrukts) bisher zweifelsfrei hätte belegen lassen. Diese simple These entstand vor mittlerweile über einem halben  Jahrhundert, als man die rätselhafte Entdeckung machte, dass Amphetamine, die eigentlich die Freisetzung von Dopamin im Gehirn anregen, unruhige Kinder "beruhigten", anstatt sie noch weiter  aufzuregen. Wenn bei diesen Kindern Methylphenidat für mehr Dopamin im Gehirn sorgte, musste vorher wohl zu wenig Dopamin vorhanden gewesen und die Ursache der Unruhe sein. Wie gesagt, diese Annahme ließ  sich seither trotz intensivster Bemühungen nicht zweifelsfrei belegen. Nichts desto trotz besticht sie (vor allem auch Laien) durch ihre logische Einfachheit und hält sich bis heute eisern. Die  "Krankheit" hatte nun eine klare Ursache ("Dopamindefizit" im Gehirn, genetisch bedingt, angeboren), die sich durch eine sehr einfache Maßnahme (Verabreichung von Methylphenidat)  behandeln ließ. Das Störungsbild wurde per Konsens in den Katalog anerkannter Krankheiten übernommen, therapeutische und diagnostische Richtlinien erstellt, und die Krankenkassen bezahlten nun alles.

Seitdem wurde in unzähligen Untersuchungen nach den Ursachen der "Krankheit" geforscht und eine große Zahl von veränderten neurobiologischen Messgrößen bei "ADHS" gefunden.  Dabei unterlagen sehr viele Forscher der Versuchung, einen mit ihren Studien gar nicht belegbaren kausalen Zusammenhang zwischen diesen veränderten Parametern und den beobachteten Verhaltensstörungen  herzustellen. Sie erweckten nicht nur den trügerischen Eindruck, als seien die Ursachen der Krankheit in objektiv messbaren Hirnveränderungen zu finden; sie verbreiteten auch die Vorstellung, dass Therapie  ausschließlich durch eine pharmakologische "Korrektur" dieser Hirnveränderungen möglich sei.

Und so wird es bis heute weitgehend vertreten und gehandhabt. Hüther und Bonney halten dies  für ein Konzept "aus dem vorigen Jahrhundert" und stellen ihm nun eine "Dopamin-Überschuss-Hypothese", neue Ergebnisse der Hirnforschung sowie der biologisch-psychologischen  Entwicklungsforschung gegenüber.

Alte Vorstellungen beginnen zu wanken

Die Autoren argumentieren, dass der relativ eindeutig belegte Befund der Zunahme der Dichte von  Dopamin-Transportern bei ADHSlern und der damit begründete raschere und stärkere Dopamin-Rücktransport (was den bei ADHS vermuteten Dopaminmangel auslöse) genauso gut auch Ausdruck einer erhöhten  Innervationsdichte in den Zielgebieten dopaminerger Projektionen sein kann. Dann würden immer dann, wenn die dopaminergen Kerngebiete feuern (was sie immer dann tun, wenn der Mensch etwas Neues, Anregendes  wahrnimmt), mehr dopaminerge Präsynapsen ihr Dopamin im jeweiligen Zielgebiet freisetzen, was zu erhöhtem Dopamin im Gehirn führt. Diese These, die sich u.a. viel besser mit der seit langem bekannten  Wirkweise der Amphetamine verträgt, wird dann noch ausführlicher neurobiologisch begründet.

Die Autoren argumentieren, dass ADHS-Kinder also möglicherweise kein Dopamindefizit, sondern einen  -überschuss aufweisen, so dass eine Behandlung mit Methylphenidat die ohnedies schon erhöhte Dopaminfreisetzung zusätzlich steigert, was nach einem anfänglichen "Kick" (den die Kinder kaum merken,  weil ihr Dopamin ja sowieso schon sehr hoch ist) zu einem anschließenden Dopaminmangel führt, weil es in der Folge zu einer raschen Entleerung der Dopaminspeicher in den Präsynapsen kommt. Dieser einige  Stunden dauernde Dopaminmangel zeigt sich dann in der "Beruhigung" der Kinder. Bei Kindern, die gar keinen Dopamin-Überschuss aufweisen und die dennoch mit Methylphenidat langfristig behandelt  werden, könne sich in der kindlichen Wachstumsphase des dopaminergen Systems durch die Medikation eine defizitäre Ausbildung der Innervation z.B. im Striatum herausbilden, worauf erste Tierversuche  hinweisen. Wenn das dopaminerge System aber, wie bisher angenommen, bei ADHS-Kindern unzureichend funktionieren würde, dann würde dieses Defizit durch eine frühe und anhaltende Medikation sogar noch  verstärkt.

Kinderhirne sind leicht (ver)formbar

Richtig spannend wird es im Buch, wenn die jüngsten Ergebnisse der Hirnforschung dargestellt werden. Erst ganz langsam mache  sich in der Öffentlichkeit die vielfach belegte Erkenntnis der modernen Hirnforschung breit, dass alles, was wir Menschen erleben, lernen, erfahren (sogar jetzt im Moment Ihr Lesen dieses Textes) messbare  Veränderungen im Gehirn hinterlässt, die im Laufe der Zeit und bei ständiger Wiederholung besonders in entwicklungbiologisch und -psychologisch sensitiven Phasen zu bis hin zu morphologisch sichtbaren  Veränderungen im Gehirn führt. Hirnentwicklung vollzieht sich eben nicht nach einem eingebauten, genetisch vorprogrammierten Ablauf. Genetisch vorgegeben ist nur die extreme Lern- und Anpassungsfähigkeit des  Gehirns einschließlich seiner eigenen erfahrungsabhängigen funktionellen, strukturellen und morphologischen Entwicklung. Die "Nutzungsbedingungen", wie Hüther das nennt, denen ein Hirn ausgesetzt  ist, entscheiden wesentlich über seine Entwicklung. Das hat natürlich gravierende Auswirkungen auf unser Verständnis des Zusammenwirkens von "Anlage" und "Umwelt" besonders in der  Kinderentwicklung. Der Schwerpunkt verlagert sich weg von einer allzu biologistischen, hin zu einer die Hirnentwicklung formenden Umweltbetrachtung.

Bestimmte Nutzungsbedingungen  (psychologisch: Erfahrungen) führen zu charakteristischen Hirnveränderungen, angefangen vom Embryo im Leib einer psychisch gestressten Mutter bis zum misshandelten oder vernachlässigten oder konfliktreich  aufwachsenden Kind und Jugendlichen. Die Autoren sehen demzufolge in allen Hirnbesonderheiten, die man bisher bei "ADHS-Kindern" gefunden hat, Korrelate (Begleiterscheinungen) solcher besonderer  Nutzungsbedingungen (Erfahrungen) der Kinder und nicht die Ursachen ihrer Verhaltensstörungen. Die Ursachen liegen nicht im Gehirn, sondern in den speziellen, z.B. traumatisierenden Erfahrungen dieser  Kinder. Dabei wird keineswegs übersehen, dass es von Geburt an besonders "schwierige" Kinder gibt, bei denen aber, wie gesagt, die Umwelt darüber entscheidet, ob sich aus ihrer Eigenart später ein  "ADHS" entwickelt oder ob daraus vielleicht sogar eine besondere Begabung wird. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Alle Nutzungsbedingungen, also natürlich auch positive, schlagen sich in  entsprechenden Hirnveränderungen nieder. Rattenbabies, die bei einer "liebevollen" Mutter aufgewachsen sind, entwickeln beispielsweise einen dickeren Kortex als "vernachlässigte"  Rattenbabies. Die primäre Nutzungsbedingung für die Entwicklung des Säuglings- und Kleinkindgehirns liefert nach wie vor die Familie, in die das Kind geboren wird. Die Autoren betonen die besondere Bedeutung  sicherer familiärer Bindungen, die der Säugling und das Kleinkind erfahren müssen und die seine Hirnentwicklung fördert oder stört.

Der Zappelphilipp ruft nach Hilfe

Nach all  dem ist es nur einleuchtend, wenn das Buch den allgemeinen Umweltgegebenheiten, den psychologischen und psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten bei "ADHS-Kindern" (also den besonderen und  korrigierenden Hirn-Nutzungsbedingungen für Kinder, würde Hüther wohl sagen) endlich den verdienten und bisher völlig vernachlässigten Raum einräumt. Insbesonders auf die Bedeutung eines  familientherapeutischen Ansatzes als breitestem Umweltausschnitt wird auch mit ausführlicheren Fallbeispielen eingegangen. In dieser Betonung und Kompetenz habe ich das bisher in keinem "ADHS-Buch"  gesehen. Die alte Frage nach "Alternativen" im Umgang mit diesen schwierigen Kindern findet hier endlich eine psychotherapeutisch fundierte Antwort. Bonneys erfolgversprechende und überzeugende  Methode, unruhige Kinder, die nicht "hören", zu behandeln, wird ausführlicher dargestellt. Die psychoanalytische Entwicklungslehre (nicht unbedingt die Therapie, meine ich jedenfalls) liefert  insgesamt wichtige Erkenntnisse und Bewertungen in ganz neuem Licht.

Ich will die Lektüre dieses Buches aber nun nicht weiter vorwegnehmen und allzu viel verraten. Eine Menge anderer Fragen und  Details finden sich darin, z.B. die Frage, ob die Methylphenidatwirkung "ADHS" beweist; oder die Fragwürdigkeiten der gegenwärtigen ADHS-Diagnostik; oder Details der Geschichte, Verbreitung und  Erklärung von "ADHS" und ihrer pharmakologischen Behandlung.

Also, Sie sehen schon: Ich finde, es ist das beste Buch zum Thema überhaupt, allen Eltern, Lehrern und Fachleuten  wärmstens empfohlen.

Es verändert unsere Hirne.

Hans-Reinhard Schmidt

 

Die ADHS-Diagnose bezweifeln?

 In ihrem demnächst erscheinenden Buch: "Neues vom Zappelphilipp" geben die Autoren Hüther und Bonney Eltern als Denkanstoß Folgendes mit:

"Eltern tun gut daran, eine ADHS-Diagnose zu bezweifeln"

 Dieser Rat ist keineswegs provozierend gemeint. Vielmehr macht er sehr viel Sinn, wenn man immer wieder hört, erlebt und liest, dass Eltern unzufrieden sind, wenn bei ihrem Kind diese Diagnose trotz  eingehender Untersuchung NICHT gestellt wird. Die gegenwärtige populäre "Fachliteratur", die Ratschläge in einschlägigen Internet-Selbsthilfegruppen und die im Bekanntenkreis erlebte  "hilfreiche" Ritalin-Wirkung verleiten viele besorgte Eltern zu vorschnellen Selbstdiagnosen und zur Pseudosicherheit, ihr Kind habe diese "Krankheit" auch. In den Sammeltopf  "ADHS" passt eben fast alles, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene an Verhaltensschwierigkeiten zeigen.

Wenn Eltern ihre Probleme in den einschlägigen Foren schildern, habe ich noch  selten gelesen, dass ihnen jemand sagt, ihre Probleme könnten alles Mögliche bedeuten, viel wahrscheinlicher Erziehungs- und Familienprobleme als eine Hirnfunktionsstörung im Sinne von ADHS. Stattdessen rät  man ihnen fast durchweg ausschließlich, gezielt "ADHS" ärztlich abklären zu lassen, die Adresse eines passenden Arztes wird gleich nachgeliefert. Es handelt sich dann selten um einen kompetenten,  jedoch "ADHS-kritischen" Arzt, sondern einen, von dem sich herumgesprochen hat, dass er die Diagnose gern und häufig stellt. Man warnt die Eltern häufig sogar, zu einem Fachmann zu gehen, der für  psychische Probleme kompetent ist.

Wir wissen aber, dass Diagnosen nicht immer sehr valide und zuverlässig, sondern stark Diagnostiker-abhängig sind, gerade bei so sehr unklaren  "Krankheitsbildern" wie "ADHS". Ob ich zu einem Psychoanalytiker, einem kritischen Psychologen oder einem von ADHS überzeugten Arzt gehe (letztere gibt es in Wirklichkeit wahrscheinlich  weniger, als viele glauben. Nicht wenige von ihnen betreiben aus rein ökonomischen Notwendigkeiten ADHS-Diagnostik), entscheidet über die Diagnose erheblich mit. Und Eltern wählen durch ihre bewusste  Diagnostiker-Auswahl auch die erwartete bzw. gewünschte Diagnose. Im Sinne von "selbsterfüllenden Prophezeiungen" schließt sich dann jeweils der Kreis, und alle scheinen zufrieden.

 Angesichts des sicher großen Ausmaßes an Falschdiagnosen, angesichts der Unzulänglichkeit des diagnostischen Instrumentariums für ADHS, angesichts der gravierenden stigmatisierenden psychosozialen  Langzeitfolgen der Diagnose vor allem für Kinder (angeblich genetisch bedingte, vererbbare Hirnstoffwechselstörung) und der ungewissen Langzeitauswirkungen von Methyplphenidat bei Kindern, angesichts der in  Wirklichkeit fehlenden wissenschaftlichen Klarheit des Syndroms ADHS hätten Eltern zunächst einmal allen Grund, an dieser Diagnose zu zweifeln.

Psychosomatik, Psychotherapie und Gehirn

 Neuronale Plastizität als Grundlage einer biopsychosozialen Medizin

Johann Caspar Rüegg

Schattauer Verlag, Stuttgart 2001

190 Seiten

EURO 25,95

ISBN 3-7945-2137-4

Bei  chronischen Schmerzpatienten, denen man in einer Psychotherapie suggeriert, ihr Schmerz sei weg, verschwindet nicht nur der körperliche Schmerz, sondern es wird auch die neuronale Aktivität der Hirnrinde  hemmend beeinflusst. Psychische Prozesse (wie z.B. das, was wir glauben, oder alle unsere psychischen Lernerfahrungen einschließlich von Psychotherapie) verändern messbare hirnfunktionelle Vorgänge in  verblüffend ähnlicher Weise wie Psychopharmaka.

Diese These belegt der Physiologe Johann Caspar Rüegg in seinem Buch mit zahlreichen Beispielen. Mit bildgebenden Verfahren kann man dem Gehirn bei seiner „Arbeit“ praktisch zuschauen. Beispielsweise ist bei Menschen, die unter Waschzwang leiden, ein bestimmter Bereich unter der Hirnrinde überaktiv. Auf den Bildern kann man dies an den Farben erkennen. Werden diese Menschen nun mit Medikamenten behandelt, so ist anschließend auf den Bildern keine Überaktivität mehr zu beobachten. Gleichzeitig hat sich das Verhalten der Patienten verändert: Sie müssen sich nicht mehr andauernd waschen. Nehmen Patienten mit Waschzwang nun an einer Psychotherapie teil, so ändert sich ebenfalls ihr Verhalten. Und auf den Bildern ist zu sehen, dass in der Folge auch die entsprechenden Hirnregionen wieder normal aktiv sind (so Marcus Schwandner in WDR5). Psychopharmaka greifen also in den Hirnstoffwechsel ein, was (für die Dauer der Medikamenteinwirkung) zu einer Verhaltensänderung führt, während Psychotherapie zu einer dauerhaften Verhaltensänderung führt, die ihrerseits eine Hirnfunktionsänderung zur Folge hat.

Das ist eine sensationelle Bestätigung der Wirksamkeit von Psychotherapie, die weitreichende Auswirkungen auch auf das traditionelle ADS-Konstrukt hat (s.a. Gerald Hüther und seine diesbezüglichen Ausführungen).

Es gibt derzeit wohl kein Gebiet der Medizin, das eine so rasante Entwicklung und eine so fruchtbare wissenschaftliche Bearbeitung erfährt wie das der  "Neurosciences". Die Forscher gelangen dabei zu Ergebnissen, die Sigmund Freud auch aus biologischer Perspektive spät, aber eindrucksvoll Recht zu geben scheinen. Hirnforschung und  Psychotherapie bewegen sich mehr und mehr aufeinander zu, und Rüeggs Werk ist ein eindrucksvoller Beleg für diesen interdisziplinären Prozess. Dieses äußerst aktuelle und wissenschaftlich fundierte Werk ist in einer fesselnden und sprachlich so eingängigen Form geschrieben, dass seine Leserinnen und Leser die neurophysiologischen und biochemischen Vorgänge und ihren Bezug zu bestimmten Verhaltensphänomenen leicht verstehen und nachvollziehen können

Werner B.

Paradigma-Wechsel
oder:
Der Storch bringt keine Kinder

Hans-Reinhard Schmidt

 Sie kennen das Beispiel vielleicht schon: Wenn die Störche im Frühjahr aus dem Süden zurückkommen, steigt in unseren Gefilden die Geburtenrate. Wer nicht weiter nachdenkt, könnte glauben, damit sei bewiesen,  dass der Storch die Kinder bringt (dieses Märchen ist tatsächlich so entstanden).

Der Denkfehler dabei ist natürlich, dass aus zwei gleichzeitigen Ereignissen geschlossen wird, dass das eine  das andere verursacht: man vermutet spontan einen kausalen Zusammenhang. Sehr oft liegt man für die Bedürfnisse des Alltags damit auch durchaus richtig. Wenn ich einen Topf Wasser auf den Herd stelle und den  Herd anschalte, verursacht die Hitze des Herdes selbstverständlich das Kochen des Wassers. Im Beispiel der Störche werden aber beide Ereignisse gemeinsam durch ein drittes Ereignis bedingt (z.B. klimatische  Verhältnisse), ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen ihnen besteht überhaupt nicht (in "Wirklichkeit" verhält es sich beim kochenden Wasser natürlich auch so, aber das soll uns hier nicht  weiter interessieren). Die Länge der menschlichen großen Zehe steht z.B. in einem statistischen Zusammenhang mit dem Intelligenzquotienten, aber einen kausalen Zusammenhang wird wohl niemand behaupten.

Keine Kausalitäten

Ich erwähne  dies, um verständlich zu machen, dass es sich mit den bisherigen neurobiologischen Forschungsergebnissen bei "ADHS" wahrscheinlich genau so verhält: Aus dem gleichzeitigen Vorhandensein von z.B.  Veränderungen des dopaminergen Hirnsystems und hyperaktivem Verhalten hat man einen kausalen Zusammenhang in dem Sinne behauptet, dass die Hirnfunktionsbesonderheiten die Ursache für die Hyperaktivität  seien, obwohl beides auch durch etwas Drittes bedingt sein könnte und zwischen ihnen überhaupt kein kausaler Zusammenhang bestehen muss. Dass allein schon wissenschaftstheoretisch diese Möglichkeit besteht,  sollte eigentlich Aussagen der Art, dass es eine bewiesene Tatsache sei, dass "eine genetisch bedingte Hirnstoffwechselstörung als Ursache von ADHS" anzusehen ist, verbieten. Schließlich ist trotz  60jähriger Forschung kein eindeutiger biologischer Marker gefunden worden, der eine solche kausale Tatsachenbehauptung rechtfertigen würde. Vielmehr können alle bisher gefunden hirnfunktionellen  Besonderheiten als Korrelate (als hirnfunktionelle Repräsentationen) von etwas "Drittem", nämlich den Erfahrungen bzw. Lernprozessen (oder, wie Hüther sagen würde: Nutzungsbedingungen), die auf das Gehirn eingewirkt haben, betrachtet werden.

Diese These, die durch immer mehr Forschungsergebnisse der Neurowissenschaften belegt wird, ist so  bedeutsam, dass man sie ohne Übertreibung als Paradigmenwechsel in der gegenwärtigen Wissenschaft vom Menschen bezeichnen kann. Es ist denn auch bezeichnend, wie stark die Abwehrkräfte sind, die eine solch  beunruhigende These weckt, und wie heftig sie geleugnet oder als falsch hingestellt werden muss, damit man nicht dazulernen und umdenken muss. Hatte die "alte" Auffassung doch den Vorteil, einfach  und "logisch" zu sein, eine simple Therapie (Methylphenidat) anbieten zu können, Eltern (allgemein: das psychosoziale Milieu) zu entlasten sowie durch eine Unmenge von Forschungsergebnissen  scheinbar eindeutig belegt zu sein.

Und nun kommen Neurowissenschaftler daher und sagen, dass alles nicht ganz so einfach sei, wie man bisher geglaubt hat. Das menschliche Gehirn sei genetisch  viel weniger programmatisch fertig und verhaltens-verursachend, sondern zeitlebens "plastisch", also je nach Input veränderbar. Dieser Input sei es, auf den es ankomme. Nicht angeborene, genetisch  bedingte Besonderheiten des dopaminergen Systems verursachen "ADHS", sondern ein Wechselspiel von (nicht ADHS-spezifischer) genetischer Grundausstattung und anschließendem Input, wobei dieser Input  viel wichtiger ist, als man bisher für möglich gehalten hat.

Umdenken fällt schwer

Für das Verständnis dessen, was gegenwärtig unter "ADHS" verstanden wird, hat dieser Paradigmenwechsel in der Medizin umwälzende Bedeutung.  Er besagt, dass "ADHS" nicht genetisch bedingt sein muss, dass die bisherigen Forschungsergebnisse "ADHS" nicht belegen müssen, dass Psychopharmaka nicht im Vordergrund einer Behandlung  stehen müssen, dass Umwelteinflüsse auf die neuropsychologische Entwicklung unserer Kinder einen ausschlaggebenden Einfluss haben, dass Erziehung in Familie, Kindergarten und Schule, Familienpolitik und das  gesamte psychosoziale Milieu den Ausschlag dafür geben, wie sich unsere Kinder (eben auch hirnphysiologisch) entwickeln. Mit den Erkenntnissen neuer wissenschaftlicher Hirnforschung untermauert ist der  psychosoziale Umweltfaktor wieder gefragt. Fast hatte die konventionelle Medizin ihn vergessen. Auch beim Konstrukt "ADHS".

Erfahrene Fachleute, die mit "ADHS"zu tun haben,  praktizieren diesen Paradigmawechsel in Wirklichkeit seit langem, obwohl sie in der Öffentlichkeit mehr oder weniger den Eindruck erwecken, sie benötigten dazu das traditionelle ADHS-Konstrukt. Döpfner setzt bei der Mehrzahl (mindestens 60 Prozent) seiner sicher besonders ausgeprägten "ADHS"-Kinder keine Psychopharmaka ein, beim Rest nur ergänzend. Seine ADHS-Therapie ist nichts anderes als Psychotherapie mit gelegentlicher medikamentöser Unterstützung. Krowatschek kommt bei ca. bisher 5000 Kindern gänzlich ohne Medikamente aus. Seine Methode ist eine reine psychotherapeutisch orientierte Übungsmethode, für deren Begründung es des ADHS-Konzepts überhaupt nicht bedarf. Bonney behandelt die Kinder mit einer kommunikationstheoretisch (aber auch anders) begründbaren Psychotherapie ohne jedes Medikament und ohne wirkliche Notwendigkeit des ADHS-Konzepts.

 Diese und sicher viele andere Psychotherapeuten erzielen überzeugende Heilungserfolge, ohne das ADHS-Konstrukt in Wirklichkeit zu benötigen. Für die psychotherapeutische Praxis hat das ADHS-Konzept keinerlei  wirkliche Bedeutung. Die Praxis aller gängigen Behandlungen lässt sich völlig ohne das fragliche ADHS-Konzept begründen. Aus meiner eigenen Familienberatungssstelle kenne ich genügend Kinder und Familien,  bei denen mit klassischen Psychotherapiemethoden (insbesonders Familientherapie) bei "ADHS" (ohne diese Diagnose jemals zu benötigen) Heilung erzielt werden konnte.

Seit langem belegte Bedeutung des Umwelteinflusses

 Dass dem Faktor "Umwelt" eine herausragende Bedeutung zukommt, haben ja nicht zuletzt Esser u. Schmidt bereits vor einigen Jahren sehr schön nachgewiesen. Sie unterschieden die beiden Faktoren Anlage (=Teilleistungsstörungen TLS) und Umwelt (=widrige familiäre Bedingungen FAI). Ihre Längsschnittuntersuchung zeigte sehr schön das Zusammenspiel beider Faktoren bei Kindern: Wenn ein 8jähriges Kind keine TLS und günstige FAI hatte, war die Wahrscheinlichkeit zur Ausbildung einer psychischen Störung etwa 10 Prozent; wenn sowohl TLS als auch ungünstige FAI vorlagen, 90 Prozent! Wenn zwar TLS, aber günstige FAI vorlagen, war die Wahrscheinlichkeit 38 Prozent, wenn nur ungünstige FAI, aber keine TLS vorlagen, 50 Prozent.

Der Umweltfaktor FAI zeigte sich also als stärker als der Anlagefaktor TLS.

Bei der 2. Untersuchung derselben Kinder mit 13 Jahren zeigte eine querschnittliche Betrachtung,  dass mit 8 Jahren bestandene ausschließliche TLS bei günstigem FAI ihren Vohersagewert verloren hatten, während der Wert widriger familiärer Bedingungen erhalten geblieben war. Das bedeutet also, dass  Teilleistungsstörungen nur im Zusammenhang mit widrigen familiären Bedingungen einen Effekt hatten.

 

Hirnschwund durch Methylphenidat?
Schlechte Studien der ADHS-Forschung

Auf welch schwachen Füßen die Forschung zu ADHS oftmals steht, macht der auch hier nicht unbekannte Dr. Baughman u.a. an den Studien von Castellanos et al. sowie Filipek et al. sehr deutlich. Diese Forscher hatten MRI-Untersuchungen an Hirnen von "ADHS-Patienten" vorgenommen und signifikante  Veränderungen im Vergleich zu "Nicht-ADHS-Hirnen" gefunden. Baughman macht nun darauf aufmerksam, dass 93 Prozent der ADHS-Untersuchungspersonen eine langjährige Stimulantientherapie hinter  sich hatten, die Personen aus der Vergleichsgruppe dagegen nicht, so dass die gefundenen Hirnveränderungen ebenso gut auf die chronische Stimulantiengabe zurückführbar sein können und keineswegs ein Marker  für ADHS sind, wie diese Forscher glauben machen.

Das Interessante ist, dass in wissenschaftlichen Zusammenfassungen dieser Forschungen auf diesen sehr wichtigen Umstand (dass also in der Untersuchungsgruppe  chronischer Methylphenidatgebrauch überwog, in der Vergleichsgruppe aber nicht) in keiner Weise hingewiesen wurde. Er wurde einfach verschwiegen. Baughman sieht deshalb in diesen Studien den  doppelt bestätigten Beleg dafür, dass chronische Methylphenidatmedikation Hirnschwund verursacht, und dass dieser Hirnschwund keineswegs ein Marker für ADHS ist, wie die genannten Forscher behaupten.

Interessant ist auch, dass Baughman wiederholt auf diesen Umstand hinwies, aber seine Hinweise von den Verantwortlichen stets fleißig ignoriert wurden.

Seine  Schlussfolgerungen decken sich mit den am Tierversuch gewonnenen Erkenntnissen von Hüther et al. Sie belegen, dass in der ADHS-Forschung oftmals gravierende methodische Fehler begangen werden.

Am Beispiel von Untersuchungen von Biederman et al. habe ich hier darauf hingewiesen, dass die ständige Ignorierung von psychosozialen Milieufaktoren in diesen Studien zu unerlaubten Schlussfolgerungen führen, die bei Einbeziehung dieses Faktors ganz anders aussehen. Auch Hüther stuft ja die meisten Ergebnisse der ADHS-Hirnforschung nicht als Marker für ADHS, sondern lediglich als Begleit- oder Folgeerscheinungen von Lernerfahrungen ein.

 Die Dinge verhalten sich also wohl vielleicht ganz anders als gedacht.

Quelle:
http://www.adhdfraud.org/commentary/7-4-01-1.htm
 Beachten Sie bitte den Namen der url: Er bedeutet "ADHS-Betrug"!

Die unendliche Geschichte:

Schlechte Studien der ADHS-Forschung

Vielleicht haben Sie schon mal was von der bekannten MTA-Studie (Multimodal Treatment Study) der NIMH (USA) gehört. Sie wird immer wieder gern unkritisch zitiert, wenn es darum geht, den Erfolg verschiedener Behandlungsmethoden bei "ADHS" zu belegen.

In dieser Studie wurden 4 Gruppen miteinander verglichen: nur medikamentös behandelte ADS-Kinder, nur mit Verhaltenstherapie (á la Barkley) behandelte ADS-Kinder, medikamentös und  verhaltenstherapeutisch behandelte ADS-Kinder, sowie eine vierte Gruppe mit "allgemeinen" Kindern ohne Behandlungen.

Diese relativ aufwendige Studie, die anfangs mit über 4500  Versuchspersonen anfing, ist ein Paradebeispiel für eine wissenschaftlich schlechte Untersuchung. Weder gab es eine echte Kontrollgruppe, in der entweder Placebo-Bedingungen oder ein echtes Nicht-Behandeln  gegeben war, noch wurde ein doppelblinder Versuchsplan durchgeführt ("doppelblind" bedeutet, dass weder die Versuchspersonen noch die wissenschaftlichen Auswerter wissen, mit welchen  Versuchspersonen aus welchen Versuchsgruppen sie es zu tun haben). Diese beiden Hauptkriterien (echte Kontrollgruppen und doppelblinder Versuchsplan) werden international vorausgesetzt, wenn eine Studie  wissenschaftlichen Anspruch erheben will. Stattdessen wussten sowohl die Versuchspersonen als auch die Wissenschaftler, wer zu welcher Gruppe gehörte, was eine Vielzahl von unkontrollierten Fehlerquellen und  Beeinflussungsmöglichkeiten in die jeweils gewünschten Richtungen nach sich zieht.

Das sind aber nur die Hauptschwachstellen, es gibt noch viel mehr Anlässe für Methodenkritik, sei es, dass  eine veraltete "Barkley-Verhaltenstherapie" zur Anwendung kam, die keinerlei Umwelt- oder Familienfaktoren einbezog, sei es, dass nicht erklärt wird, wie die in der Hauptuntersuchung einbezogenen  Versuchspersonenauswahlen aus der Gesamtstichprobe zustande kamen, sei es, dass die meisten wissenschaftlichen Auswerter Methylphenidat-Befürworter waren und ihre Voreinstellung als mögliche Fehlerquelle  nicht kontrolliert wurde...

Das Tollste ist aber Folgendes: Immerhin bei einer Teiluntersuchung waren die wissenschaftlichen Beobachter "blind", d.h., sie beobachteten Kinder aus allen  Versuchsgruppen in der Schule ziemlich ausführlich, ohne zu wissen, welcher Gruppe sie jeweils angehörten. Ihr Ergebnis versprach also einigermaßen wissenschaftlichen Standard. Und siehe da: sie fanden  keinerlei Unterschied zwischen allen Versuchsgruppen, egal also, ob ein Kind Ritalin oder nicht erhalten hatte, allein verhaltenstherapeutisch oder kombiniert mit Ritalin behandelt worden war. Und was Sie,  liebe Gäste, vielleicht wieder nicht wundern wird: Dieses im Vergleich zu allen anderen Ergebnissen der Studie halbwegs zuverlässige wissenschaftliche Ergebnis wird in allen Zusammenfassungen und Zitierungen  dieser Studie durchweg unterschlagen.

Aber wen (außer mich) stört das schon ?

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
17.2.2002

Zur spezifischen Methylphenidat-Wirkung
Dipl.-Psych. Hans-Reinhard Schmidt

Erst kürzlich  habe ich wieder von einer Mutter gehört, deren Kinderarzt ihr empfahl, beim unruhigen Söhnchen einfach mal Ritalin auszuprobieren, und wenn es wirke, sei die Diagnose "ADHS" damit bestätigt. Dieser  Irrglaube steckt in sehr vielen Elternköpfen (und Ärzteköpfen wohl auch noch), das habe ich immer wieder festgestellt. Die meisten Eltern glauben, um Ritalin geben zu können, bedürfe es der Diagnose  "ADHS", und wenn das Mittel wirkt, wäre klar, dass ihr Kind an "ADHS" leidet. Ein fataler Zirkelschluss.

In einem früheren Beitrag habe ich mich mit diesem Problem bereits  auseinander gesetzt. Seriöse wissenschaftliche Studien zur spezifischen Wirkung von Methylphenidat bei "ADHS" sind aus verständlichen Gründen sehr selten. Schließlich kann man keinen gesunden  Kindern zu wissenschaftlichen Zwecken Ritalin geben (obwohl genau dieser Großfeldversuch derzeit weltweit unkontrolliert läuft!). Deshalb ist die Studie von Klein RG u.a. so kostbar und aufschlussreich.

Diese Autoren haben die Hypothese überprüft, derzufolge Stimulanzien bei antisozialen  Verhaltensstörungen ("conduct disorder", das sind aggressive, gewalttätige, kriminelle oder zerstörerische Kinder) nicht hilfreich seien. Man geht gewöhnlich davon aus, dass Methylphenidat, das bei  Kindern mit "ADHS" wirkt, auf die Symptomatik solcher antisozialer Verhaltensstörungen keinen hilfreichen Einfluss hat. Methylphenidat soll also ganz spezifisch auf die "ADHS"-Symptomatik  wirken.

84 Kinder mit antisozialer Verhaltensstörung, wovon 2 Drittel auch ADHS hatten, das andere Drittel aber nicht, wurden 5 Wochen lang mit Methylphenidat bzw. Placebo behandelt und in ihrem  Verhalten von Lehrern, Eltern und Klinikern genau beobachtet. Die Erwartung war also, dass sich das Medikament nur auf die "ADHS"-Symptomatik auswirken dürfte. Ganz entgegen dieser Erwartung zeigte  sich aber eindeutig, dass das Medikament die Symptomatik der antisozialen Verhaltensstörung bei allen Kindern bedeutsam reduzierte, unabhängig davon, ob ein Kind auch noch "ADHS" hatte oder nicht.

Methylphenidat hat demnach auch eine eindeutige Wirkung auf die Symptome einer gewöhnlichen Verhaltensstörung, und nicht nur auf die Symptomatik von "ADHS". Dies zeigt sehr deutlich,  dass Methylphenidat unspezifisch wirkt und seine Wirkung keinen diagnostischen Rückschluss erlaubt. Sonst müsste man ja gemäß der bisherigen "ADHS"-Logik folgern, diese Untersuchung hätte  bestätigt, dass die Wirkung von Methylphenidat die Diagnose einer antisozialen Verhaltensstörung begründe. Und das sagt ja sicher keiner. Aber wenn es um "ADHS" geht...

Oder allgemein:  Eltern, bei deren Kind Methylphenidat symptomdämpfend wirkt, können nicht schon deshalb davon ausgehen, dass "ADHS" vorliegt. Es kann auch eine Verhaltensstörung sein, für die das Medikament gar  nicht gedacht (und vielleicht langfristig auch hirnschädigend) ist. Noch allgemeiner: Methylphenidat wirkt immer, egal ob einer was hat oder nicht. So ist das eben mit einem Psychopharmakum.
 

27.2.2002

 H. Amft, M. Gerspach, D. Mattner:
Kinder mit gestörter Aufmerksamkeit
ADS als Herausforderung für Pädagogik und Therapie

Kohlhammer 2002, EUR 19.-

Dieses Buch der drei Darmstädter  Hochschulprofessoren für Sozialmedizin bzw. Heilpädagogik Amft, Gerspach und Mattner sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Es hinterfragt alles, was Sie bisher über ADS zu wissen glaubten, aus nüchterner  wissenschaftlicher Sicht. Die drei Beiträge der Autoren ergänzen sich zu einem wirklich kritischen, fundierten und ausgewogenen Gesamtbild über ADS/HKS/MCD. Sie werden hier viele meiner Positionen  wiederfinden.

Hier eine kleine Leseprobe zum Thema: ADS: Was ist wissenschaftlich gesichert? (S. 51):

(Zitat) 1. Es gibt Kinder mit ZNS-bedingten Aufmerksamkeitsproblemen.

2. Ein Rückschluss von Aufmerksamkeitsproblemen auf deren Ursache ist unzulässig.

3. Nur wenn eine cerebrale Dysfunktion objektiv nachgewiesen werden kann, ist die Bildung einer  kausalen Hypothese zwischen cerebraler Dysfunktion und Aufmerksamkeitsproblemen zulässig. Alles andere ist Spekulation.

4. Cerebrale Dysfunktionen führen nicht zwangsläufig zu Verhaltens- und  Entwicklungsproblemen. Im Gegenteil: Ca. 75% der Kinder mit nachweislicher cerebraler Dysfunktion weisen psychiatrisch keine Auffälligkeiten auf.

5. Normal ist, dass Kinder leichte cerebrale  Dysfunktionen gut kompensieren können. Nur ca. 25% der Kinder mit nachweislicher cerebraler Dysfunktion weisen psychiatrische Auffälligkeiten auf, wobei dies im Einzelfall einen kausalen Zusammenhang noch  nicht begründet, weil diese Störungen auch andere Ursachen besitzen können.

6. Zu fragen ist vielmehr, ob nicht in erster Linie psychosoziale Faktoren als ursächlich dafür angesehen werden  müssen, dass es einem kleinem Teil der Kinder nicht gelingt, ihre cerebrale Dysfunktion zu kompensieren.

7. Wird bei einem Kind mit Aufmerksamkeitsproblemen eine cerebrale Dysfunktion objektiv  nachgewiesen, so beweist dies noch nicht eine Kausalität zwischen cerebraler Dysfunktion und Aufmerksamkeitsproblemen. Denn diese Aufmerksamkeitsprobleme können auf anderen Ursachen basieren (Zitatende).

Ich weise besonders auf den Punkt 6 hin, den ich immer schon für ganz wichtig gehalten habe. Aber machen Sie sich bitte Ihr eigenes Bild.

Mit Gruß, H.-R. Schmidt
8.3.2002

Medikamente oder Psychotherapie?

Immer mehr stellt sich mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren der Hirnforschung heraus, dass Psychotherapie ähnliche oder  identische Wirkungen haben kann wie pharmazeutische Medikamente, ja sogar allein die Erwartung einer Wirkung bei Placebos kann dieselbe, hirnfunktionall nachweisbare Wirkung hervorrufen wie ein Medikament.  Im Zusammenhang mit der "Ritalin-Diskussion" bei ADHS ist das deshalb so interessant, weil es erwarten lässt, dass auch hier Psychotherapie, wenn sie vorhanden ist und angenommen wird, das  Medikament überflüssig machen kann. Mal sehen, wann das jemand für ADHS nachweist.

Nach einer bekannt gewordenen Studie von Baxter, Schwartz und Mitarbeitern aus dem Jahre 1996 zur  Veränderung des Gehirnmetabolismus bei Zwangserkrankungen nach sowohl Pharmako- als auch Psychotherapie liegt nun nämlich eine ähnliche Untersuchung für depressive Störungen vor. Die erweiterte Arbeitsgruppe  hat sich diesem Thema zugewandt und 24 Patienten mit unipolaren "major depressive disorder (MDD)" und 16 Kontrollpersonen verglichen. Die Messung der Gehirndurchblutung erfolgte mittels  Positron-Emissionstomographie mit Fluorodeoxyglucose, die Werte wurden vor und nach der Behandlung mit einem Antidepressivum oder Psychotherapie erhoben:

 Depressive zeigen in der PFT-Untersuchung einen höheren Metabolismus im präfrontalen  Kortex, Thalamus und Caudatus, und niedrigeren Metabolismus im Bereich des Temporallappens.

 Sowohl mit medikamentöser als auch psychotherapeutischer Behandlung normalisierten sich diese metabolischen Veränderungen.

 Die interessanten Bilder geben eindrucksvollen Beleg davon, daß Psychotherapie  letztlich sozusagen ein ebenfalls "biologisches" Verfahren ist, da sie zu entsprechenden neurobiologischen Veränderungen im Gehirn führt.

Quelle: A.L. Brody et al.: Regional Brain  Metabolic Changcs in Patients With Major Depression Treated With Either Paroxetinc or Interpersonal Therapy. Aus: Arch. Gen. Psychiatry, 2001, 58: 631—640.

Grüße, Preiser
2.4.2002

Helmut Köckenberger

Jahrgang 1956, Fachlehrer in einer Körperbehindertenschule, Physiotherapeut und Motopädagoge, Lehrteammitglied der Akademie für Motopädagogik  und Mototherapie (ak`M). Seit 1984 Arbeit und Spaß mit hyperaktiven und auffälligen Kindern in Diagnostik, psychomotorischer Therapie und Schule. Tätig in der Fortbildung zu den Themen Auffällige Kinder,  Psychomotorik und Bewegtes Lernen, Autor mehrerer Fachbücher - u.a. "Hyperaktiv mit Leib und Seele", Dortmund 2001.

Es lohnt sich wirklich, die Psychomotorik und die Motopädie im Kontext mit ADHS zu entdecken und zu betonen. Sie sind echte und bewährte Alternativen zum so einseitig betonten  Ritalin-Verhaltenstherapie-Elterntraining-Rezept der Schulmedizin. Helmut Köckenberger ist ein in der Arbeit mit hyperaktiven Kindern seit langem sehr erfahrener Psychomotorik-Therapeut. Seine Bücher sind alle sehr lesenswert. Gerade im Zusammenhang mit der Neuroplastizitäts-Diskussion im Zusammenhang mit ADHS bieten sich gerade auch für die  Psychomotorik sehr interessante neue wissenschaftliche Sichtweisen und Forschungsmethoden. Ausserordentlich interessant ist auch seine Kritik an einer Langzeitmedikation mit Ritalin sowie seine Sicht von ADHS

MfG, Herbert B.

6.4.2002

Aus dem Leben:

Als Lehrer an einem Gymnasium hat mich der Beitrag von Prof.  Gerspach "Von Zappel-Philippen und anderen Derwischen" sehr interessiert, weil er wieder eindringlich die Verantwortung von Eltern und Erziehern für eine gesunde Entwicklung der Kinder in  Erinnerung ruft.

Ich möchte im Anschluss daran hier eine eigene Erfahrung schildern:

Ich habe in meiner Bekanntschaft einen 12jährigen Jungen, der folgende Symptomen zeigt: Er  fällt seinen Eltern bei Gesprächen am Tisch ständig ins Wort, redet pausenlos ohne Punkt und Komma, kann abends oft bis Mitternacht nicht einschlafen, nässt nachts ein, flattert mit den Händen, zuckt mit den  Augenlidern und mit dem Mund, gerät leicht in panikartige Zustände bei Zeitdruck und fürchtet sich vor outdoor-Aktivitäten wie der Besteigung eines Turmes, einer Schlittenfahrt auch vom kleinsten Hügel  herunter usw. usw.

Diese Verhaltensweisen konnte ich bei gelegentlichen Besuchen in der Familie mit eigenen Augen wahrnehmen. Die psychiatrischen Diagnosen lauteten unter anderem ADS,  Tourette-Syndrom, Angststörungen, Panikstörungen, hirnorganisch bedingte Orientierungsstörung, autistische Züge, möglicherweise auch Asperger-Syndrom.

Nun ergab es sich, dass die Eltern  beruflich für eine Woche lang verreisen mussten und den Sohn nicht mitnehmen konnten, weil dieser die Schule besuchen musste. Ich erbot mich, den Jungen zu beaufsichtigen und während dieser Woche mit ihm im  Haus zu wohnen, damit er sich sicher und geborgen fühlte.

In dieser Woche zeigte der Junge     k e i n e     e i n z i g e   der oben  genannten Verhaltensweisen. Er unterhielt sich in einer sehr feinfühligen Weise mit mir und ging auf meine Gesprächsthemen ein, er half mir bei der Zubereitung der Mahlzeiten, fiel mir nie ins Wort, er  zeigte keinerlei Angstzustände, konnte sich auch außer Haus allein gut orientieren (auch eine weitere Fahrt mit der S-Bahn in der Großstadt allein bewältigen), zeigte keine Zuckungen mehr an Händen und im  Gesicht, ging pünktlich um 9 Uhr ins Bett, nässte nicht ein und schlief jede Nacht durch. Die Eltern und auch die anderen Verwandten hatten für diese Woche das Allerschlimmste befürchtet und waren bass  erstaunt, dass die Woche so harmonisch verlaufen war.

Ich nehme an, dass dieser Junge - wie wohl in vielen anderen vergleichbaren Fällen auch -  weniger unter einer genetisch bedingten  Nervenstörung (Stichwort ADS) leidet, sondern dass er vor allem auf auf die seit seiner Geburt vorherrschende konfliktbeladene Atmosphäre im Elternhaus reagiert. Die Eltern liebten sich von Anfang an nicht  (sie lassen sich mittlerweile scheiden) und auch das Kind wurde von ihnen im Grunde nicht geliebt, obwohl es nach außen hin den Anschein hatte, als würden sie sich um ihn kümmern. Der Junge hat dies auf  Grund seiner Feinfühligkeit von Anfang an gespürt und darauf durch sein "psychopathisches" Verhalten reagiert. Das ist jedenfalls meine laienhafte Erklärung.
 

Anmerken  muss ich noch, dass der Junge im elften Lebensjahr auch mit Ritalin behandelt wurde, was aber zu keinerlei Besserung, sondern bei ihm nur zu Kopfschmerzen und Müdigkeit führte. Er lehnt mittlerweile sowohl  den Gang zu Psychologen als auch weitere medikamentöse Behandlungen ab.

Viele Grüße

Hans

15.4.2002

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